08.01.2013

Hartz IV-Tagebuch: Die Caritas, die katholische Kirche und christliche Werte

von Volker
 

Nach meiner Zeitrechnung befinde ich mich im 21. Jahrhundert.

Ich komme gerade aus dem falschen Film, oder besser gesagt: aus einer Livedarbietung »Diskriminierung durch die katholische Kirche«.


Nach langer Suche bot sich mir die Chance auf eine geringfügige Beschäftigung (450-Euro-Basis) bei der Caritas Limburg/Lahn, als Mitarbeiter für »Essen auf Rädern«.
Ein Zuverdienst, den ich dringend benötige, um meine existenzielle Not etwas lindern zu können. Wohlgemerkt: eine Tätigkeit, die nichts anderes erfordert, als alte und kranke Menschen Mahlzeiten zu liefern.

Ich darf nicht.
Ich darf nicht bei der Caritas arbeiten, da ich aus der Kirche ausgetreten bin.


Dafür wurde ich heute bestraft.


CC-Lizenz



Nachtrag vom 11.01.13

Die Caritas Limburg entschied sich am 10.01.13 für meine Anstellung.

Meinen Dank an alle, die dazu beigetragen hatten. 




Dazu ein Kommentar von Holdger Platta

In dem Buch Kaltes Land. Gegen die Verrohung der Bundesrepublik. Für eine humane Demokratie, das ich gemeinsam mit Rudolph Bauer, Professor an der Uni Bremen, vor einem Drevierteljahr herausgebracht habe, ist auch Volker Wulle vertreten: mit einem eindrucksvollen Bericht über Alltagserfahrungen von Hartz-IV-Betroffenen in der Bundesrepublik.

Was er mitzuteilen hat, zählt zu diesen demütigenden Alltagserfahrungen, und ich finde das, was Volker Wulle berichtet, um so bestürzender, als sich mit dieser Weigerung, Volker Wulle endlich eine Tätigkeit zu ermöglichen, die es ihm erlaubt hätte, wenigstens etwas seine Lebenssituation aufzubessern, eine kirchliche Hilfsorganisation eingereiht hat in die Phalanx der Menschenquälerei.

In unserem oben genannten Buch Kaltes Land ist auch der katholische Sozialwissenschaftler Friedhelm Hengsbach mit einem eigenen Beitrag vertreten. Mich würde insbesondere interessieren, wie Friedhelm Hengsbach das Verhalten der katholischen Hilfsorganisation "Caritas" beurteilt.

Mir fällt dazu spontan der folgende Satz aus der Bibel ein, aus dem 1. Brief Paulus' an die Korinther (13. Kapitel, Vers 13), und dieser Satz ist fürwahr einer der wichtigsten - und erstaunlichsten! - Sätze aus dem Neuen Testament überhaupt:

"Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."

Der kleine Bericht zeigt: diesen Christen, mit denen Volker Wulle zu tun bekommen hat, ist der Glaube wichtiger. Für diese Christen zählte die Liebe offenbar nicht.

Mögen sie es mit ihrem Gewissen abmachen. Sie sollten aber wissen, diese Christen, daß es genau diese Vertauschung der Wichtigkeiten ist, die in der Kirchengeschichte Tod und Verderben über unzählige Menschen gebracht hat, aus sogenannt-christlichen Glaubensgründen, und daß es genau dieser Verrat am Prinzip der Liebe war (und oft auch heute noch ist), der Menschen - Menschen! - aus den Kirchen treibt.

Ich hoffe für Volker Wulle, daß es noch andere - in diesem Falle: katholische - Christen gibt und daß diese anderen katholischen Christen ihm helfen werden!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Frohes Neues" aus'm Wuppertale!

Dat is mir auch passiert; hatte ein Vorstellungsgespräch bei den scheinheiligen Brüdern und Schwestern als Haushaltshilfe (auch für Alte und Kranke). Alles war schon in trockenen Tüchern da kam eine letzte Frage:
-Äh, Sie sind doch getauft??
-Nö.
-Oh. Wenn Sie sich (noch schnell)taufen lassen, kriegen Sie die Stelle....
-Nö Danke, mach ich nicht.
(Der Witz ist, ich bin freikirchlich erzogen worden, möchte aber KEINEM dieser Vereine angehören.)
Irrsinn, Wahnsinn, Blödsinn!
Bin ganz mit dir in deinem Groll!
Gruß Christine

frei-blog hat gesagt…

@ Christine,
von Groll kann ich nicht sprechen, eher von Wut.
Gruß - Volker

Anonym hat gesagt…

und wenn Du den Löffel abgibst wirste nochmals bestraft, weil die Dich in irgendein Loch verscharren werden und niemand wird wissen wann und wo. Es wird so sein als hätte es Dich nie gegeben ..
Halleluja

A.IllI hat gesagt…

Meine Mutter hatte die Stelle als Altenpflegerin damals auch nur "gnadenhalber" bekommen, weil sie nicht geschieden, sondern nur 'getrennt' war. 'Evangelische' hatten gar keine Chance.

Ansonsten macht Caritas ("Nächstenliebe") alles so, wie die schnöden "privaten Einrichtungen" - zum erheblichen Teil der Dienstzeit werden Berichte auf Geheiß "von Oben" gefälscht und nicht erledigte Arbeiten als Getan eingetragen, weil der staatliche "Medizinische Dienst" diese Arbeiten minutengenau vorschreibt, dies aber mit dem Personalschlüssel nicht zu schaffen ist.

Außerdem kommen, je mehr Pfegearbeiten eingetragen werden, auch wenn sie gar nicht getan worden sind, die Heimbewohner in eine höhere Pflegestufe, und dafür erhält Caritas dann mehr Geld.


Was der hier entscheidend wichtige Unterschied zwischen Wut und Groll sein könnte, weiß ich zwar momentan nicht, aber ok, Sie nennen sich ja auch nicht Caritas oder Sophia.

Schnakenhascher hat gesagt…

Wie war das noch mit dem Diskriminierungsverbot? Weder Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Sprache, RELIGION, politische oder sonstige Anschauung, nationale oder soziale Herkunft, Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, Vermögen, Geburt noch der sonstige Status als Unterscheidungsmerkmale herangezogen werden. (http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html)

Anonym hat gesagt…

Kleiner Einwand zu "...diesen Christen ist der Glaube wichtiger..."

Nicht der Glaube, sondern die gezahlte Kirchensteuer.

Dagmar

Anonym hat gesagt…

Nicht der Glaube ist diesen Christen wichtiger, sondern die gezahlte Kirchensteuer.

Dagmar

Holdger Platta hat gesagt…

Ich kann 'Anonym' und 'Dagmar' verstehen, wenn sie die Vermutung äußern, daß diesen Christen nur die gezahlte Kirchensteuer wichtig wäre, nichtmal ihr eigener Glaube. Allzuoft müssen wir mit sogenannte 'Christen' solche Erfahrungen machen. Nicht zuletzt fallen mir da jene 'Christen' ein, die unverschämterweise (und blasphemischerweise!) das Christliche in ihrem Parteinamen vor sich her tragen!

Ich meine aber, wir sollten uns mit unserer Kritik an der betreffenden Caritas-Stelle nicht auch noch unter unser eigenes Niveau begeben (wie diese Christen sich unter ihr Niveau begeben haben).

Erstmal hat Volkers Fall weder mittelbar noch unmittelbar irgendwas mit dem Thema Kirchensteuer zu tun. Und zweitens wissen wir ja nicht, wie es ansonsten in den Herzen dieser Limburger Christen aussieht. Mir reicht, wie sich diese Leutchen Volker gegenüber verhalten haben.

Ich finde wichtig, daß wir diese Menschen an deren eigenen Maßstäben messen. Pauschale und/oder unbewiesene Unterstellungen sollten wir lieber anderen überlassen. Wir haben es nicht nötig, mit verkehrten Argumenten zu arbeiten, um den unbarmherzigen Barmherzigkeitsmangel dieser Limburger Christen zu kritisieren.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: auch ich gehöre keiner christlichen Kirche mehr an. Allerdings kenne ich sehr viele sehr überzeugende Christen (aller Konfessionen: Katholiken, Lutheraner, Reformierte), Christen, die tagtäglich gegen diese moralische Verrottung und Verrohung unserer Gesellschaft ankämpfen, nicht zuletzt in ihren eigenen Reihen.