22.11.2013

Dieter Hildebrandt - Rufmord an einem Toten

von Holdger Platta

erschienen bei "Hinter den Schlagzeilen"



Die FAZ über Dieter Hildebrandt

Heute, am Donnerstag, den 21. November, auch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)“ ein Nachruf auf Dieter Hildebrandt: ein Aufmacher auf Seite 31, vierspaltig, mit großem Foto des großen gestern verstorbenen Kabarettisten. Doch was lese ich da?

Hildebrandt sei ein „Zyniker“ gewesen (mit einer schlicht falschen Begründung versehen). Hildebrandt habe gewusst, daß Kabarett „böse“ sei müsse. Hildebrandt habe sich in den letzten Jahren an „eingespielten Manierismen festgehalten“ und sein Mienenspiel sei „bitterböse“ gewesen wie „eh und je“. Das alles unterzeichnet von einem Andreas Platthaus, den ich – einer gewissen Namensähnlichkeit wegen – nicht mit mir zu verwechseln bitte.

Nun, auch ich bin nicht Anhänger des Geschichtsverdrängersatzes „De mortuis nil nisi bene“, „über die Toten nur Gutes“ – ein  Satz, der Chilon zugeschrieben wird, einem der Sieben Waisen Griechenlands. Weder ein Hitler hat diese Schonung verdient noch ein Stalin. Doch Hildebrandt sei ein „Zyniker“ gewesen? „Böse“, „maniriert“, mit „bitterbösem“ Mienenspiel sogar?

Da kennt sich ein FAZ-Mitarbeiter weder bei den Begriffen aus -  Platthaus weiß weder, was Zynismus“ ist, noch hat er eine Ahnung, was man unter „Manierismus“ versteht -, noch scheint er Dieter Hildebrandt jemals wirklich wahrgenommen zu haben. Daran ändern auch dazwischengemengte, etwas nettere Passagen nichts.

„Zyniker“, das sind allen Wörterbüchern zufolge, die ich zu Rate zog, „verletzend-spöttische“, „schamlos-verletzende“ Menschen (DUDEN-Fremdwörterbuch), „giftige“ Menschen (DUDEN-Etymologie), „gemeine“ Menschen, die über die „Wertgefühle anderer Menschen“ Hohn und Spott ausgießen (DUDEN-Rechtschreibung). Das soll dieser Dieter Hildebrandt gewesen sein? Ein Künstler, dem noch bei jedem Auftritt seine Herzensgüte anzumerken war, ein Mensch, der noch bei jedem Auftritt seine Menschlichkeit spüren ließ, sein Engagement für die Betrogenen und Zukurzgekommenen, sein Engagement für humane Werte, eine Wertorientierung, die ihm dieser Herr Platthaus einfach mal so nachrufshalber abspricht?

Da kann auch nicht Konservatismus als Rechtfertigung herhalten. Das ist üble Nachrede – im Wortsinn! – und verkennt zutiefst, woraus sich Kritik, Zorn und Empörung dieses großartigen Menschen und Künstlers Dieter Hildebrandt ein Leben lang speisten: aus wieder und wieder verletztem Gerechtigkeitssinn, aus Mitgefühl für die Menschen ganz unten, aus einer Sensibilität, die niemals abgehoben hatte, um nur noch um das eigene Ich ihre empfindsamen Kreise zu ziehen.

Platthaus hat einen schäbigen Nachruf geschrieben, und die FAZ war schäbig genug, diesen Nachruf zu drucken.

Beide, die – angeblich – wertkonservative Zeitung und dieser Redakteur sollten sich schämen, weil sie schamlos-verletzend, auf gemeine Weise, unter Missachtung der Wertgefühle anderer Menschen, einen Toten angegriffen haben.

Eben zynisch!

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