13.11.2013

Vom Fehlerverzeihen

von Holdger Platta

Quelle: hinter-den-schlagzeilen

Heute Morgen in unserem Tageblatt: Beckenbauer, der ungekrönte Kaiser von Deutschland, hat die Steuerhinterziehungen von Uli Hoeneß, seinem Kicker-Kumpanen von einst, mit dem folgenden gnadenvollen Statement bedacht: „Ich denke, wir sollten niemanden verurteilen, der mal einen Fehler gemacht hat. Selbst die katholische Kirche gewährt eine zweite Chance.“
Donnerwetter: welch ein Edelmut! Aber der Reihe nach:


„Ich denke“? – Nun, nicht alles, was sich als „Denken“ ausgibt, ist auch „Denken“.

Zum zweiten: „Fehler“? – Nun, hier geht es nicht um einen „Fehler“, sondern mutmaßlich um ein Verbrechen, um Steuerhinterziehung, die gemäß der bundesdeutschen Abgabenordnung § 370 mit einer Haftstrafe bis zu 5 Jahren geahndet werden kann.

Zum dritten: „ein“ Fehler? – Nun, den Presseberichten zufolge hat Uli Hoeneß zehn Jahre lang, ergo bei insgesamt zehn Steuerklärungen, Geldeinnahmen in Millionenhöhe verschwiegen, von 2000 bis 2009. Was dann mehr als nur „ein“ Fehler ist. Oder kann ich nicht mehr zählen?

Doch selbst wenn es nur „ein“ Fehler gewesen wäre und auch nur ein „Fehler“: wieso kaiserlicher Gnadenerweis nur für einen Vereinskameraden und nur für einen Multimillionär?



Sollen hier Vergebungsimpulse im bundesdeutschen Seelenleben lediglich einem Superreichen zugutegekommen? Oder hat Beckenbauer solche Empfehlungen auch schon mal ausgesprochen zugunsten von Hartz-IV-Betroffenen, zugunsten von Hilfsbedürftigen, die bereits bei einem ersten Terminversäumnis 30 Prozent Kürzung an ihrer Mindestexistenzsicherung hinnehmen müssen, junge Erwerbslose bis zum 26. Lebensjahr sogar völlige Liquidation ihrer Bezüge? Strafmaßnahmen, von denen bis zum Jahresende 2013 rund eine Million deutscher Bundesbürger betroffen sein dürften. Für „Delikte“, die erstens keine sind, für „Delikte“, bei denen es zweitens nicht ums individuelle Beiseiteschaffen von Millionenbeträgen geht, für „Delikte“, zu denen es drittens kommt, weil die Hilfsbedürftigen oft keinen Sinn mehr sehen in höchst überflüssigen Terminen oder mittlerweile über die vielen Jahre hinweg psychisch kaputtreglementiert worden sind.

Wo bleibt da das Mitleid des edlen Beckenbauer mit den „Missetätern“?

Ich frage ganz ernsthaft: meldet sich in der Psyche des sogenannten Kaisers von Deutschland nur beim elitären Mitmillionär Hoeneß die Empathie zu Wort – das meinetwegen katholische Vergebenwollen nach Ablieferung von drei „Ave-Marias“ im Beichtstuhl? Das Mitgefühl unseres ewigen Liberos schweigt sich aber aus, wenn es nur um die armen Teufel in dieser Republik geht? Heißt: die Menschen ganz unten soll man ruhig weiter drangsalieren, Hauptsache, den Kumpanen ganz oben läßt man laufen?

Dem Vernehmen nach hat Uli Hoeneß seine Millionen vor allem mit der Herstellung von Würstchen gemacht. Da muß man sich um die „kleinen Würstchen“ in diesem Land nicht auch noch kümmern. Das scheint die „Denke“ des bundesdeutschen Massenidols Beckenbauer zu sein. Und ein „Fehler“ scheint zu sein, wenn man das für einen Fehler hält.

Republikanische Verteilungsgerechtigkeit also: Vergebung für Mehrfachmillionäre, Gnadenlosigkeit den Verzweifelten. Oder in Umkehr des berühmten Büchnerschen Satzes: Krieg den Hütten, Friede den Palästen!

Und ein derartiger Kaiser ist in Deutschland nach wie vor populär? – Mir scheint, ohne die Untertanengesinnung allzu vieler würde dieses nicht möglich sein.

Vielleicht wäre besser gewesen, ich hätte heute morgen unser Tageblatt nicht gelesen.

(mit Genehmigung des Autors Holdger Platta)

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