07.12.2013

Hartz IV-Tagebuch - Armut leben können?

von Volker

Bei wohlgemeinten Ratschlägen sowie Tipps, wie man mit Armut umgehen könnte/sollte, bekomme ich jedesmal Gänsehaut, da derartige Aussagen für mich eine Verharmlosung, geradezu eine Entschärfung der Wirklichkeit zur Folge haben, sogar unterschwellig vermitteln, dass man sich durchaus in Armut einrichten kann. Eine Sache der eigenen Lebensphilosophie (?).

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Mein Kommentar zu diesem Beitrag:


Erzählen sie dies einem Menschen, der in Armut leben muß, der nicht einmal die finanzielle Möglichkeit hat, Vorräte anzulegen. Und erzählen sie dies einem alten Menschen in Armut, der es nur noch unter Mühen schafft, mit seiner Gehhilfe eine Tafel aufzusuchen.
Sicherlich hat man auf dem Land mehr Möglichkeiten Äpfel zu sammeln oder ein paar Kartoffeln aus dem Boden zu holen. Diese sind allerdings auch begrenzt und reichen nur für ein paar wenige. Großstädter haben diese Möglichkeit schon gar nicht; in der Not sind sie sogar gezwungen, in Containern herumzuwühlen, wenn diese überhaupt zugänglich sind.

Zur Tafel: Ich schäme mich nicht, einmal in der Woche eine Tafel aufsuchen zu dürfen. Ja, »dürfen«... ich darf froh darüber sein, mich ernähren zu dürfen!
Es ist diese Entwürdigung, die mir und allen anderen zu schaffen macht. Es ist diese politisch gewollte Abhängigkeit, seinen Nahrungsbedarf über Almosen empfangen zu dürfen.

Wieder ein» Dürfen«!

Verstehen sie mich richtig: Den Menschen in Armut sind ihre Tipps sehr wohl bekannt, da es ihre Not zwingend erfordert. Ein alter Hut, der an diesen unwürdigen Zuständen nichts ändern wird.

Nur: ein würdiges Leben besteht nicht hauptsächlich aus verwertbarer Nahrung, sonder ebenfalls aus der Freiheit, gesellschaftlich existent sein zu dürfen.
Wieder ein »Dürfen«!

Für Seelennahrung gibt es keine Vorratshaltung, keine Tafel, keine Kleiderkammer, kein Existenzminimum.

1 Kommentar:

PeWi hat gesagt…

Du hast völlig recht mit deinem Post. Ich gehöre nicht bzw. noch nicht (man weiß ja nie, was kommt) zu den Armen, obwohl meine Rente gering ist. Aber ich habe eine Vorstellung davon, was wäre, wenn ... Ich habe den Artikel im Link gelesen und ich antworte darauf mit Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Alles gut und schön. Sicherlich ist man ebenso ein wertvoller Mensch, wenn man sich an Dingen erfreut, die nicht mit Geld zu bezahlen sind. Davon gibt es eine Menge. Man muss sich außerdem nicht schämen, wenn man arm ist - das ist ein alter Hut. Nur, wenn ich vor dem Monatsende nicht weiß, wie ich mit meinem Nichtgeld ein Mittagessen kochen kann, dann sch... ich auf die so wertvollen Dinge, die kostenlos sind, dann will ich nur noch ESSEN. Ist es nicht so?