09.08.2014

Mit Edelwörtern in einen neuen Krieg?

Zu Gaucks Plädoyers für Auslandseinsätze der Bundeswehr
Holdger Platta

Zugegeben, die Sache liegt schon etwas zurück. Und ausschließlich außersachliche Gründe sind es, daß ich mich erst heute dazu äußern kann. Aber ich halte es für erforderlich, weil der Anlaß weit über sich selber hinausweist und die Propaganda, um deren Analyse es im Folgenden geht, noch längst nicht erledigt ist. Außerdem läßt sich meiner Auffassung nach an dieser Propaganda exemplarisch zeigen, wie Public Relations heute funktioniert und auf welche Mittel sie setzt.

Ich spreche von dem Interview, das Bundespräsident Joachim Gauck am 14. Juni dem Sender „Deutschlandradio Kultur“ gegeben hat, zum Abschluß seines Norwegen-Besuchs. Es handelt sich um ein Plädoyer für Militäreinsätze der Bundeswehr im Ausland, um ein Gespräch, das manche Kritiker dazu veranlasst hat, vom „Kriegshetzer“ Gauck zu sprechen. Doch nichts ist falscher als das. Gauck ist kein „Kriegshetzer“. Das, was er betreibt, ist weitaus schlimmer als das Aufwiegeln der Deutschen zum Krieg. Es ist der Versuch zur Gehirnwäsche der Deutschen, sicherlich ganz absichtslos, im Interesse des Krieges. „Kriegshetze“ erkennt man sofort. „Kriegshetze“ geifert, „Kriegshetze“ brüllt, „Kriegshetze“ stachelt zum Haß gegen Fremde auf. Alles auf Anhieb zu durchschauen. Doch Gauck redet ruhig und badet seine Kriegsbefürwortung in Edeldeutsch und im Wärmeton. Sein Plädoyer für eine neue Kriegsbereitschaft der Deutschen kommt, seiner Herkunft eingedenk, im Pastorendeutsch daher, im Weisheitston eines Ethikers. Und   d a s   macht die Sache so schlimm – viel schlimmer, als „Kriegshetze“ es wäre mit offenem Visier. Und deswegen ist auch so wichtig, diese Tricksereien zu durchschauen, jetzt und für alle Zukunft – selbst wenn diesem Kriegsbefürwortungsgewäsch keinerlei Absicht zugrunde liegt. Wir haben dieser Propaganda unser Wissen entgegenzusetzen, und dieses Wissen muß eines sein, das auch die Spielchen mit unserem   U n b e w u ß t e n   durchschaut: ein Erkennen also, das die Sache ebenso klar beim Namen nennt wie die Psychologie, mit der uns die Sache verkauft werden soll. Doch damit unmittelbar zu Gaucks Interview und zur Entlarvung der Gauckschen Psychotricks:


Der Mensch wird zum Affen gemacht: das Grundprinzip der Werbung schlechthin
Aus welchen Gründen auch immer – schon bei der Münchener (sogenannten) „Sicherheitskonferenz“ Ende Januar/Anfang Februar dieses Jahres gab unser Bundespräsident solche Töne von sich -: Gauck sieht sich seit einiger Zeit bemüßigt, der bundesdeutschen Bevölkerung eine neue Rolle Deutschlands und der Bundeswehr schmackhaft zu machen. Im deutlichen Widerspruch zu unserer Verfassung, derzufolge unserer Bundeswehr gemäß GG-Artikel 26 verboten ist, Angriffskriege zu führen, und gemäß GG-Artikel 115 die Bundeswehr nur im sogenannten „Verteidigungsfall“ eingesetzt werden darf, spricht sich Gauck mehr und mehr für das verfassungsfeindliche Konzept eines weltweit militärisch agierenden I n t e r v e n t i o n s h e e r e s  aus und für eine dementsprechend  aufrüstende bundesdeutsche Außenpolitik   g e n e r e l l . Dabei wissen er und seine „Think-Tanks“ (wörtlich übersetzt übrigens: “Denk-Panzer“!) sehr genau: die ganz überwiegende Mehrheit der Deutschen will genau solchen aggressiven Wandel von Außenpolitik und Bundeswehr nicht! Was also tun, wenn man diese militaristische Enthemmung dennoch durchsetzen will? Wie also sprechen, wenn man derlei Militarisierung des Denkens und Empfindens gleichwohl befördern möchte?

Nun, das Problem ist, in abgemilderter Version, noch jedem professionellen Werber bekannt! In meinem Buch „Identitäts-Ideen“ (1998) habe ich einen längeren Abschnitt genau dieser Frage gewidmet und bin dabei zu Resultaten gelangt, denen nicht nur – ach, wie einseitig! – der linke, der marxistische Sozialphilosoph Wolfgang Fritz Haug von der FU Berlin zustimmen konnte – ein Denker, der sich während vieler Jahrzehnte seines Forscherlebens mit Werbung und Warenästhetik, mit Produktpropaganda und Psychotricks beschäftigt hat. Nein, diesen Resultaten stimmten auch zahlreiche andere Kronzeugen zu, Gesprächspartner von der anderen Seite gleichsam, Werbeforscher nämlich, die für die Reklamewirtschaft Strategien entwickelten, und Profis aus der Werbebranche selbst. So zum Beispiel der seinerzeit sehr angesagte Werbewissenschaftler Professor Doktor Werner Kroeber-Riel von der Universität Saarbrücken und die gesamte Führungsetage der damals (1984) größten bundesdeutschen Werbeagentur LINTAS in Hamburg (hauptsächlich tätig für den finanzstarken Unilever-Konzern). Kurz: ich präsentiere hier nicht meine höchstpersönlichen Deutungen, keine bloßen Spekulationen, was die zu erläuternden Werbetricks betrifft. Ich präsentiere das Wissen, das damals wie heute Basiswissen noch jeder Werbekampagne beziehungsweise PR-Aktion ist:

Zum einen: Werbung – das gilt für Produktreklame wie für politische Agitation – geht prinzipiell davon aus, daß die Ware oder die Politik, die den Konsumenten verkauft werden soll, bestenfalls einen N u l l r e i z   darstellt. Egal, ob es um ein neues Deo geht oder um Durchsetzung einer neuen Politik: Ausgangspunkt eines jeden Werbers ist die Annahme, daß dieses Neue den Leuten, den Adressaten der Werbung, zunächst mal zumindest egal ist.

Zum anderen: Demzufolge verknüpft man den   N u l l r e i z   - der im Falle bestimmter neuer Politikversuche sogar einen   M i n u s r e i z   darstellen kann – mit irgendeinem  
P o s i t i v r e i z   oder gleich mit mehreren   P o s i t i v r e i z e n . Dann verkauft man halt nicht nur eine Seife, sondern – unterstützt durch entsprechende Bilder und Slogans – gleich auch ein Schönheitsversprechen, man verkauft nicht nur Margarine, sondern gleich auch – entsprechend illustriert und von entsprechenden Liedern begleitet – Gesundheit und Fitness und Jugend.  LINTAS-Kontakt-Direktor Meske seinerzeit: „..,. dann geht das natürlich in die Attraktivitätskiste hinein, in die Erotikkiste vielleicht sogar, das ist ganz klar, da kommt auch
<…> dieser Psychonutzen dazu…“ („Identitäts-Ideen“, Seite 15) Und der Saarbrücker Werbeforscher Kroeber-Riel mit seinem Wissenschaftskollegen Gundolf Meyer-Hentschel: „Wenn in der Werbung wiederholt ein Markenname oder Produktname zusammen mit stark positiven Reizen (Bildern, Wörtern) dargeboten wird, so erhält der Konsument eine positive Einstellung zur Marke oder zum Produkt.“ („Identitäts-Ideen“, Seite 15)

Ich schrieb seinerzeit dazu:
„Das klingt ganz nach den klassischen Konditionierungsversuchen des sowjetrussischen Verhaltensforschers Pawlow mit Hunden – und genau darauf geht das auch zurück. Der Mensch: sein Reaktionsverhalten also kaum anders beschaffen als die Hunde im russischen Tierexperiment?“ („Identitäts-Ideen“, Seite 15)

Jawohl, genauso ist das gemeint. Der Mensch kommt auf den Hund, sozusagen, wenn er zum Gegenstand solcher Werbestrategien wird. Und Gauck, unser Bundespräsident, verhält sich keinen Deut anders als Pawlow, der seinen Hunden beibrachte, auf ein Klingelzeichen hin mit Speichelfluß zu reagieren, schlicht deshalb, weil sie in der Konditionierungsphase vorher stets ihr Fressen mit eben diesem Klingelzeichen serviert bekamen.

Die vier Beeinflussungstricks des Herrn Gauck
Und wie sieht dasselbe Experiment des Herrn Gauck nun mit uns mündigen BundesbürgerInnen aus? Dieser Massenbeeinflussungs-Großversuch also eines vormals ach so ddr-verfolgten Pfarrers ganz nach dem Vorbild eines sowjetrussischen Behaviouristen? Hören wir also etwas genauer in das erwähnte Interview des Bundespräsidenten mit „Deutschlandradio Kultur“ hinein! Um es vorwegzunehmen: er bietet gleich eine ganze Reihe p o s i t i v e r   Schlüsselreize auf, um der Militarisierung bundesdeutscher Politik das Wort reden zu können – und damit der schleichenden Militarisierung unseres eigenen Denkens und Empfindens!

Zunächst: „Minus-Begriffe“ wie „Einsatz militärischer Mittel“ und „Militäreinsätze“ werden nicht völlig vermieden. Sie tauchen in dem Gauck-Interview auf, sie müssen es sogar, denn ohne sie hinge die angestrebte Verknüpfung der „Minus-Begriffe“ mit „Positiv-Begriffen“ ja völlig in der Luft und die angestrebte „Umwertung“ der „Minus-Begriffe“ könnte gar nicht vonstattengehen. Aber keine Angst! Nach diesem cleveren Absolvieren des Negativ-Vokabulars legt der Missionar (nicht „Hetzer“!) in Sachen Militarismus gleich auch richtig los:

Erstens: Ganz zentral und ganz an den Anfang gesetzt, sind es vor allem zwei ethisch hochpositiv aufgeladene Plus-Kategorien: „Verantwortung“ und „Menschenrechte“. Um diese gehe es eigentlich im Kern, wenn es um Kriegseinsätze geht. Um „verlässliche Demokratie für die Menschenrechte“ gehe es, um „Kampf für die Menschenrechte“, um Kampf „für das Überleben unschuldiger Menschen“. Das die Kernbotschaft des Ex-Pfarrers Gauck. Jawohl, Bombenabwürfe und Drohneneinsatz, Tötungsaktionen, möglicherweise weltweit, das Ermorden von Menschen ohne jede Gerichtsverhandlung oder entsprechendes Todesurteil (das es der deutschen Verfassung zufolge ohnehin nicht geben darf!): sie werden in dieser Propagandarhetorik allesamt uminterpretiert zu gutartigen Aktionen des Guten. Was im Umkehrschluß heißt (und selbstverständlich transportieren diese Thesen des Herrn Gauck untergründig auch diese Aburteilungen mit): wer gegen militärische Kriegseinsätze bundesdeutscher Soldaten im Ausland ist, der denkt und redet, der schreibt und handelt verantwortungslos, der stellt sich gegen die Menschenrechte, der ist – nicht zuletzt – mitschuld daran, wenn „unschuldige Menschen“ irgendwo auf diesem Planeten ihr Leben lassen müssen. Die Sünderbank wird vom Ex-Pfarrer Gauck mit Pazifisten gefüllt, denn in Wahrheit stellen Menschen, die nach friedlichen Lösungen suchen, aus seiner Sicht Tunichtgute und Nichtsnutze dar. Sie verweigern dringendst gebotene Hilfe und humanitär gebotenes Engagement.

Zweitens: Doch damit nicht genug. Gauck treibt sein Psychospielchen in diesem Interview noch ein ganzes Stück weiter. Das Folgende mag nicht ganz so relevant erscheinen, es mag auch weniger wirksam sein, gleichwohl sind auch die folgenden Aussagen des Bundespräsidenten voller Kalkül und dienen dem Zweck, die Militarisierung unseres Denkens und Fühlens voranzutreiben. Sie zielen sozusagen auf angebliche Denkfaulheit der Deutschen ab, auf angebliche Vorurteile oder Voreingenommenheiten, sie zielen sogar auf intellektuelle Defizite ganz generell, wenn man der Psychologik dieses Vor-Denkers Gauck auch bei den nunmehr zu erwähnenden Aussagen folgt:

Man solle, so Gauck, „nicht pauschal“ die „Beteiligung“ (ein Wattierungsbegriff!) an „Militäreinsätzen“ ausschließen, man solle das „letzte Mittel“ (ein zweiter Wattierungsbegriff!) beziehungsweise die „aktive Politik zur Konfliktlösung“ (Wattierungsbegriff drei!) „nicht von vornherein“ verwerfen! „Nicht von vornherein“! Damit wird Pazifismus zum intellektuellen Vorurteil, zur Befangenheit vor Überprüfung einer Realsituation, zur Parteilichkeit von Anfang an. Was im Umkehrschluß bedeutet: „nicht pauschal“, sondern „präzise und differenziert“ denkt, wer am Ende auch Kriegseinsätze bejaht, „gründlich überprüft und ohne Vorurteil“ betrachtet einer die Sache Krieg, wenn er zu dessen Bejahung gelangt, er bleibt nicht stecken im Vorurteil des „von vornherein“ bekundeten „Nein“ zum auswärtigen Kriegseinsatz. Dies also der zweite Angriff mit „Plus-Begriffen“, die unsere Kriegsbejahung stärken sollen. Und bereits auf der Münchener „Sicherheitskonferenz“ hatte dieser Gauck ganz ähnlich geklungen: „Deutschland darf weder aus Prinzip Nein noch reflexhaft Ja sagen.“ Stattdessen ist Kriegsbejahung also Ergebnis von Reflexion. Dies also Vereinnahmungsrhetorik für den Krieg in der zweiten Spielart – etwas für die Intellellen unter uns. Und die nächste Suggestions-Strategie:

Drittens: Gauck appelliert einige Male auch an unser formaljuristisches Rechtlichkeitsdenken. Wurde mit „Verantwortung“ und „Menschenrechten“ die ganz große Ethik aus dem Weihrauchbehälter geholt, wurde mit den Appellen an unsere intellektuelle Lauterkeit das Denken angesprochen, der redliche Geist, der uns zur Kriegsbejahung treiben soll, so bringt er mit Begriffen wie „Polizei“ und „Verbrechen“ auch noch unser Strafrechts- und Ordnungsbewußtsein ins Spiel. „Morde“ gälte es zu verhindern, „Verbrecher“ seien zu stoppen – wenn auch in diesem Falle, leiderleider, mit militärischen Mitteln, nicht mit der Kripo,  wenn auch ohne ordentliche Gerichtsverhandlung, sondern, leiderleider, gleich mit dem Abknallen des Verbrecherpacks. Und abschließend bemüht Herr Gauck nochmals zur Psychoverstärkung seiner Kriegspropaganda diverses Wattierungsvokabular:

Viertens: Ihm gehe es, so Gauck, um ein „Ja zu einer aktiven Teilnahme an Konfliktlösungen im größeren Rahmen“, und er habe in Norwegen „auf allen Ebenen ein Ja zu einem aktiven Deutschland gehört“. In München, bei der „Sicherheitskonferenz“ Anfang des Jahres, klang der entsprechende Satz so: es gehe um „ein größeres außenpolitisches Engagement Deutschlands“. Kurzum: es handelt sich beim guten Kriegführen im Sinne des Guten eigentlich nur um das Gegenteil von „Untätigkeit“ (man könnte auch bequeme „Faulheit“ sagen), es handelt sich um „Gemeinsamkeit“ mit anderen Nationen, es handelt sich um „Engagiertsein“, um „Außenpolitik“ und - - - um mehr „Größe“. Endlich soll der Krieg wieder zurückgeholt werden in die Bereiche der Politik, und Deutschland soll wieder zurückgeholt werden in die Bereiche der  g r o ß e n  Politik. Die Wiedergewinnung der Menschen für die Bereitschaft, in großem Ausmaße weltweit wieder Menschen zu killen: nichts anderes als das warmherzige Werben für „größeres außenpolitisches Engagement“.


Mit weltlicher Frömmigkeit auf in den Krieg!
Wir können in diesem Artikel beiseitelassen, daß Gaucks Polizeifantasien, schon rein völkerrechtlich betrachtet, der blanke Unfug sind, Anmaßung und maßlose Selbstüberschätzung. Wir können auch beiseitelassen, daß in den erwähnten Artikeln 26 und 115 unseres Grundgesetzes derlei Übergriffspropaganda für militärisches Eingreifen bundesdeutscher Truppen prinzipiell überall auf der Welt als verfassungsfeindlich ausgewiesen ist. Es ging darum zu zeigen, wie Gauck, der oberste Repräsentant unseres Landes, seit einiger Zeit bemüht ist, den Widerstand der meisten Deutschen gegen Kriegseinsätze der eigenen Bundeswehr im Ausland aufzuweichen (nach letzter Umfrage der Körber-Stiftung vom 20. Mai dieses Jahres, durchgeführt im Auftrag des Auswärtigen Amtes, sprachen sich 87 Prozent aller Befragten gegen kriegerische Auslandseinsätze aus!). Nicht zuletzt aber ging es darum, noch jede Leserin und jeden Leser selber in die Lage zu versetzen, dieses hochbewußte Psychospiel mit Plus-Begriffen, die Minus-Begriffe umpolen sollen (und damit – in unserem Denken und Empfinden – uns alle!), zu durchschauen, auch zukünftig, bei anderen gleichgestalteten Werbetexten dieser Art.

Wie gesagt: den Werbefritzen jedweder Couleur sind diese Tricks seit Jahrzehnten vertraut. Noch in jeder Verkäufer-Schulung eines Versicherungskonzerns gehört dieses Know-how zum Basisprogramm. Und wer in die erwähnte Umfrage der Körber-Stiftung genauer hineinschaut, der stellt fest: diese Propaganda – sicherlich nicht nur die eines Gauck – wirkt bereits.

Noch einmal: lediglich 13 Prozent aller Befragten hatten im Mai dieses Jahres Militäreinsätze für ein „richtiges Mittel der Außenpolitik“ gehalten, 87 Prozent aber nicht. Verknüpfte man diese Frage aber mit Einsatzbegründungen wie „Friedensschutz“ und „Sicherheitsschutz“, mit „Verhinderung von Völkermord“ oder „Schutz der Verbündeten“ verkehrten sich diese Mehrheitsverhältnisse bereits ins genaue Gegenteil! Zwischen 70 bis 87 Prozent aller Befragten sprachen sich unter diesen edlen Vorgaben schlagartig   f ü r   diese Kriegseinsätze aus. Kurzum:

Gauck bestellt einen Acker, und der Acker ist schon gut bestellt. Wie lange dauert es noch, und das Feld, auf dem heute noch der Roggen wächst, der Weizen oder der Hafer, wird morgen schon wieder „das Feld der Ehre“ sein?

Mit Edelvokabeln wie „Verantwortung“ und „Menschenrechte“ werden die damit verknüpften Werte militarisiert, wenn sie – wie im Gauck-Gespräch – einer entsprechenden Vokabelwäsche unterzogen werden. Dasselbe gilt für Begriffe wie „Konfliktlösung“, „Engagement“ undsoweiter. Das bedeutet: die Güte der Menschen soll in den Dienst genommen werden für militärische Feldzugsfantasien. Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang und von kaum noch zu überbietender ethischer Verwerflichkeit. Das ist nicht mehr, wie es scheint, ein Denken in den Kategorien der Ethik, sondern Missbrauch der Ethik. Wenn man so will: ein pastorales Segnen der Waffen nunmehr auf Gaucksche Manier, Wiederholung schlimmster Kirchengeschichte mit anderen Mitteln! Das ist die Ethisierung von Krieg auf leisen Sohlen, sozusagen in einem Erststadium noch. Aber ungeheuer konsequent betrieben, mit klarer Marschrichtung, schon jetzt. Die Front, gegen die damit zu Felde gezogen wird, schon jetzt, ist zum einen unser aller Bewusstsein (und: Unterbewusstsein!), das ist u n s e r   Pazifismus. Die Front, gegen welche damit vorgegangen wird, ist aber auch der Pazifismus, wie er von den sogenannten „Müttern“ und „Vätern“ in unser Grundgesetz hineingeschrieben worden ist. Wir alle wissen: aus schlimmster Erfahrung heraus.

Was an diesen Verbalmanipulationen aber auch zu erkennen ist, das ist die Tatsache, daß man heutzutage Kriege anders vorzubereiten versucht als in den letzten Juliwochen vor dem sogenannten Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Damals standen typisch männliche Eroberungsfantasien im Vordergrund (ich spreche hier, weil Psychologie mein Thema ist, nicht von den ökonomisch-politischen Interessen, die seinerzeit eine enorme Rolle spielten – zumeist der Bevölkerung gegenüber vertuscht). Damals gab es einen Frieden, den – wiederum vor allem - Männer als Drangsal empfanden, weil es ein Frieden der verprügelten, der sadistisch gequälten Knaben gewesen war, und diese sadistisch geprügelten Männer, denen der Freiburger Historiker und Sozialpsychologe Klaus Theweleit vor vielen Jahren eine ganze doppelbändige Studie widmete, die „Männerphantasien“ (1977), zogen in den Krieg wie in die Erlösung hinein, fast wie in eine individuelle Selbstbefreiungsregion. Das alles dürfte mehr oder minder Geschichte sein. Nicht aber Geschichte ist, sondern brutale Gegenwart, daß mit nunmehr neuem Ethik- und Edelvokabular Menschen in die Kriegsbejahung hineinmanipuliert werden sollen. Damals zog man in den Krieg „mit Gott“. Heute soll man mit den „Menschenrechten“ in den Krieg ziehen.

Und wieder hätten verdammt viele ein verdammt gutes Gefühl dabei – aufgrund eines Betrugs wie auch seinerzeit!

Literaturhinweise:

Haug, Wolfgang Fritz: Warenästhetik und kapitalistische Massenkultur (I). "Werbung" und "Konsum". Systematische Einführung in die Warenästhetik. Argument Verlag Berlin 1980

Kroeber-Riel, Werner; Meyer-Hentschel, Gundolf: Werbung. Steuerung des Konsumentenverhaltens. Würzburg 1982

Platta, Holdger: Identitäts-Ideen. Zur gesellschaftlichen Vernichtung unseres Selbstbewusstseins. Psychosozial-Verlag Gießen 1998

Theweleit, Klaus: Männerphantasien. 2 Bände. Verlag Roter Stern/Stroemfeld Frankfurt am Main 1977


Quelle: Hinter den Schlagzeilen

1 Kommentar:

Charlie hat gesagt…

Ich halte dieses Geschwurbel um die Kriegshetze Gaucks (und es ist Kriegshetze!) für völlig überflüssig und im Grunde sogar kontraproduktiv.

Offensichtliches muss man nicht bis ins Kleinste analysieren, um es verstehen zu können - und es mutet geradezu grotesk an, wenn eine solche Kritik ausgerechnet auf einer schlimmen Esoterik-Plattform wie "Hinter den Schlagzeilen" veröffentlicht wird, die ihrerseits genau dieselben PR- und Werbetricks anwendet, die dem Kriegshetzer Gauck hier (zu recht!) angekreidet werden.