04.10.2014

Hartz IV-Tagebuch - sparen mit dem Existenzminimum

Wer Hartz IV bezieht, als Arbeitsloser vom Staat in unserer Gesellschaft als nutzloser Kostenfaktor ausgelagert wird, findet in seinem bewilligten Warenkorb ein paar Euros, die er ansparen sollte, um außergewöhnliche Kosten abdecken zu können.
Dazu zählen u.a. eine neue Waschmaschine, Renovierungs- und Reparaturkosten für die Wohnung etc. Mit seinem Existenzminimum, das diese zynische Bezeichnung nicht verdient, das nicht einmal den notwendigen Lebensunterhalt abdecken kann, steht der Verarmte dazu noch in der Pflicht, anfallende Sonderausgaben abzudecken. Dafür gibt es einen Leitfaden sowie gesetzliche Hinweise.

Nach achtzehn Monaten gelang es mir endlich, einen neuen Personalausweis zu beantragen, den ich nur finanzieren konnte, weil ich zufällig zu vierzig Euro kam, die ich lieber dazu verwendet hätte, mich mit meinem Fahrrad wieder sicher bewegen zu können. Im nächsten Jahr werden dazu noch neue Reifen zwingend notwendig sein, die Kette macht es auch nicht mehr lange... Ich sollte sparen. Dies habe ich schriftlich.
Meine Bettlaken stehen kurz vor ihrer Auflösung, Socken und Unterwäsche müßten ersetzt werden, eine warme Hose für den Winter wäre ebenfalls angesagt, Gitarrensaiten sind Luxusware... Ich könnte diese Auflistung noch erweitern, sollte lieber nicht klagen, sondern sparen. Vom Munde absparen, sprich: drei Monate nichts essen, oder für fünf Monate auf Strom verzichten...

Ich lebe von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag, und am Ende eines Monats opfere ich meine drei angesparten Euros, um noch zwei Tage durchzuhalten.
Und dies schon seit Jahren, immer auf der Hut, nicht weiter brutal in die Gosse gekickt zu werden. Ich sollte mich gemütlich in der Armut einrichten, mein Almosen nicht verjubeln und dankbar dafür sein, dass ich noch geduldet bin.

Wissen Sie, vor was ich Angst habe, wenn ich an eine Zukunft denke, die ich möglicherweise noch erleben werde?

Kommentare:

PeWi hat gesagt…

Dieses Jahr ging bei uns viel kaputt: die Waschmaschine, der Kühlschrank, die Mikrowelle und mein PC war auch nicht mehr das Gelbe vom Ei. Alles ging innerhalb kürzester Zeit kaputt, wie auf einen Schlag. Als wir neue Geräte anschafften, haben wir daran denken müssen, wie es gewesen wäre, würden wir H4 beziehen müssen. Man kommt an solchen Stellen schon arg ins Grübeln. Ich denke aber, dass sich die H4- Bezieher mehr zusammentun müssten, um ihren berechtigten Frust loszuwerden. So denken Merkel und Co., dass alles in Butter wäre, da sie nur auf ihre verdammten frisierten Statistiken schauen und außerhalb des normalen Lebens stehen. Auch vielen Mitbürgern müsste endlich mal klar gemacht werden, dass H4 kein Luxusleben ist, sondern ein Bruch des Grundgesetzes. Ob das klappen würde? Ich denke zwar eher nein, wäre aber ein Versuch wert. Leider wende sich sehr viele Menschen an die braunen Jungs, als ob die jemanden einen Cent mehr geben würden.

frei-blog hat gesagt…

@PeWi,
die Hartz IV-Gesetze sind dazu da, jeglichen Widerstand zu brechen. Ich hatte anfangs auch länger dazu gebraucht, dies zu begreifen. Wer am Boden liegt, dazu noch durch die öffentliche Meinung als "Schmarotzer" geächtet wird, lebt in einer ständigen Angst. Und Angst lähmt,wenn sie gezielt als Druckmittel eingesetzt wird.
Diese Menschen resignieren einfach, weil sie verachtet und zu jeder Zeit unter Druck gesetzt werden können.
Ich gehe freitags zur Tafel, weil es nicht mehr anders geht. Von Solidarität untereinander kann ich nicht wirklich reden. Einige sind nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, und spiegeln dieses System 1:1 wieder.


Anonym hat gesagt…

Seit Jahren von der Hand in den Mund, geht mir genauso, sich ganz einfach überhaupt NICHTS kaufen zu können, außer das (obendrein mangelhafte) täglich Brot.

Und dazu ständig der Geier über mir kreisend, dass größere Anschaffungen fällig werden und eine durchaus mögliche Mieterhöhung vom JC nicht mehr getragen wird, ein Umzug aber völlig unmöglich wäre.

Die Aussicht, so weiter zu leben, bis ins Grab, vom H4 direkt in die absolute Altersarmut, in der völlig normale Hilfsmittel des Älterwerdens, Nahrungsergänzung, viele Medikamente, kulturelle Vergnügungen oder gar Reisen, einfach nicht möglich sind, macht mich sehr traurig...

NOCH trauriger macht mich allerdings der Gedanke, dass meine Mit-Menschen, die die täglich direkt neben mir leben, diesen Zustand nicht nur einfach so hinnehmen & akzeptieren, sondern ihn obendrein sogar - durch ihr Wahlverhalten - immer wieder bestätigen und verlängern.

Diese Leute (und Wählergruppen), die diese direkte und ganz brutale, bittere Armut von UNS, ihren Nachbarn, Kollegen, Vereinskumpeln, Mitmenschen direkt neben ihnen...immer wieder einfach so erwartet und als naturgegeben akzeptiert, ohne das da auch nur die kleinste Hoffnung auf ein Umdenken und Mit-Gefühl besteht...

DIE machen mich wirklich fertig!

Dank für den Artikel und die Blogs, @frei-blog + PeWi :-)

frei-blog hat gesagt…

@Anonym,
eine gute Ergänzung und danke dafür.
Du sprichst auch ein sehr wichtiges Problem an: die Wohnung.
Ich lege aus meinem Regelsatz für meine Wohnung noch 150 EUR dazu, weshalb mir gerade 144 EUR im Monat zum Leben bleiben. Für das, was mir zusteht,finde ich hier keine Wohnung, die ich als lebenswert bezeichnen könnte. Die Kosten für Unterkunft müßten dringen den Mietpreisen angepasst werden, was aber nicht geschieht. Das sind Sätze, die schon vor 30 Jahren von den Sozialämtern bewilligt wurden. Im Kreis Limburg-Weilburg sollte sich hierbei im 3. Quartal etwas ändern. Bis dato hat sich aber nichts getan, um wenigstens eine anständige Wohnung zu finden. Das Thema betrifft auch die Armutsrentner, die ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können.
Wir alle wissen, wie wichtig eine Wohnung für die psychische Gesundheit ist, das interessiert aber die Politik nicht, die andererseits Milliardenbeträge sinnlos verpulvert.
Und ja: es macht die Menschen fertig und krank.
Ich bin 58 Jahre alt, körperlich und geistig fit, beschäftige mich aber schon seit Jahren mit dem Thema der/meiner Altersarmut.
Da bleibt nur noch der Wille, mich nicht fertigmachen zu lassen. Den haben sie mir wenigstens noch nicht nehmen können.
Gruß - Volker

Charlie hat gesagt…

Danke für diesen Text - ich habe dazu auch ein paar Worte verlieren müssen.

Liebe Grüße!

PeWi hat gesagt…

@VoWu: Ja, du wirst Recht haben. Menschen werden psychisch zu allererst kaputt gemacht. Andere sagen deshalb "Hauptsache Arbeit" und machen sich zum Clown aus Angst vor bitterster Armut. In den Köpfen vieler Menschen ist immer noch, dass jeder der Arbeit will, auch welche bekommt. Vor H4 haben meine Arbeitskolleginnen mich dafür immer als leuchtendes Beispiel hingestellt. Da half es nicht, dass ich sagte, dass es reiner Zufall war. Das niemand etwas dafür könne, einen Arbeitsplatz zu haben oder auch nicht. Damals war Leiharbeit auch noch völlig anders. Die Zeiten haben sich nun zum total Schlechten gewendet. Das System ist im freien Fall, aber in vielen Köpfen sitzt immer noch die Parole, dass wer Arbeit will auch welche bekommt. Menschenwürde? Phe, was ist das? Die Besitzenden haben einen großen Vorteil: Sie wissen was sie wollen. Sie halten in grundlegenden Positionen gegen uns zusammen. Wir dagegen sind zersplittert. Jeder denkt an sich, obwohl wir doch alle gemeinsame Interessen eigentlich haben sollten.

Anonym hat gesagt…

Charlie - du bist wirklich sehr aufmunternd. Deine Antwort in deinem Blog für dein Ende ist doch voll daneben :/