03.01.2015

Hartz IV-Tagebuch: Zehn Jahre nach Hartz IV – verheizt, zwischen Engagement und Hoffnung

Ich glaubte es.

Vor zehn Jahren glaubte ich tatsächlich daran, dass es mit der Einführung Hartz IV eine Entflechtung bürokratischer Strukturen geben werde, ja sogar daran, dass ich mit einem »meinem persönlichen Fallmanager« besser beraten/betreut wäre, um mit meinen beruflichen Fähigkeiten sowie einen beachtlichen Erfahrungsschatz wieder meinen Lebensunterhalt zu sichern, sprich: eine Anstellung zu finden.

Heute kann ich über meine eigene Naivität nur noch den Kopf schütteln, obwohl sie auch wohl aus der Tatsache resultiert, dass mir zu diesem Zeitpunkt  nur öffentlich zugängige Begründungen aus den allgemeinen Medien zu Verfügung standen.
Parolen, Verschleierungen sowie Halbwahrheiten. Erst einige Zeit später, nachdem ich das Internet als unverzichtbares Medium erkannte, wurde mir immer mehr bewußt, welche Absichten mit der Agenda 2010 verbunden waren.

Nach diesen zehn Jahren, zwischen Engagement und Hoffnung, stehe ich mit 59 Jahren vor einem persönlichen Trümmerhaufen, aus dem ich mich nicht mehr befreien kann. Nicht einmal durch meine Fähigkeiten, Engagement und Willen.

Von Hartz IV in die Altersarmut.
Demnächst wird man mich dazu auffordern (verpflichten), frühzeitig einen Rentenantrag zu stellen, da dieses unmenschliche System deutliche Spuren hinterließ, ich »den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes« nicht mehr in vollem Umfang zu Verfügung stehen werde. So die offizielle Begründung.

Ich formuliere es anders: Erst durch Hartz IV wurden mir die wenigen noch greifbaren Möglichkeiten verweigert, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Eine traurige Realität, die uns – gerade in den letzten Tagen – als Erfolgsgeschichte verkauft wird.

Ich glaubte es.
Ich glaubte tatsächlich daran, dass:
... zweiundzwanzig Monate als Ein Euro- Jobber, mit einem sechs Stunden-Tag, als Mitarbeiter eines Jugenzentrums ...
... ein Jahr Hausaufgaben- und Freizeitbetreuung an einer Schule (stundenweise auf Honorarbasis)...
... zwei Jahre befristete Festanstellung bei der Stadtjugendpflege, als Betreuer des oben genannten Jugendzentrums (25,5 Stunden-Woche, subventioniert im Rahmen von 50plus)....

... mir neue Wege und Möglichkeiten eröffnen würden.
Das Jugendzentrum wurde geschlossen. Als Gestalter bin ich nicht mehr gefragt, meine weiteren Fähigkeiten werden zwangsweise frühverrentet.

Kommentare:

PeWi hat gesagt…

Hallo VoWu, ich hoffe, dass du gut ins neue Jahr gekommen bist. Ich wunderte mich nur, dass du den Medien vertrautest als Hartz eingeführt wurde. Ich war ja vor H4 arbeitslos und habe keinen einzigen AA-Mitarbeiter erlebt, den es wirklich interessierte, was mit mir geschah. Nur - im Unterschied zu heute - man konnte sich noch mit diesen Herrschaften verbal anlegen ohne Strafen zu riskieren und ihnen klarmachen, dass sie durch meine Steuern ihren Job haben, pardon damals gab es noch keine Jobs sondern Arbeit. Meinem Mann wurde - vor Hartz - jeglicher Qualifikationslehrgang verweigert - angeblich zu alt. Die Katze biss sich in den Schwanz: Wenn der AG einen einstellt, dann kann die Qualifikation vom AA übernommen werden aber der AG hat ohne diese Quali nicht eingestellt. Es ging damals um die Konstruktionsprogramme 3D. Die Linke hat von Anfang an gesagt, was die Agenda 2010 bedeutet. Wieso sollte es mit dem gleichen Personal besser werden? Hartz hat nur die Arbeit"nehmer" enteignet. Mehr nicht. Und wieso sollte eine Regierung sich für den normalen Menschen einsetzen? Nach dem Verschwinden der DDR, gab es keinen Grund mehr dafür. Der Wolf musste keine Kreide mehr fressen. Man muss das Land immer unter dem Gesichtspunkt betrachten: Die Regierung ist das Machtinstrument der herrschenden Klasse. Wer hier die herrschende Klasse ist, weißt du. Alles solltest du immer unter diesem Gesichtspunkt betrachten, dann wir vieles klarer und die Medien- und Regierungslügen haben kaum noch Chancen. Übrigens, Rentner ist besser als H4-Bezieher. Du wirst in Ruhe gelassen und hast im Grunde genommen das gleiche Geld zur Verfügung wegen der Aufstockung falls ich mich nicht irre. Und auf mehr Geld, ob du nun etwas länger H4 erhältst oder nicht kannst du nicht hoffen. Es werden keine Rentenbeiträge abgeführt. Auch wenn die abgeführt werden würden, machte das nur einen unwesentlichen Pennybetrag aus. Ich habe z.B. ein ganzes Leben gearbeitet (eine Frau bekommt keine 45 Jahr zusammen)und hatte in der DDR einen Spitzenverdienst und später naja war er nicht schlecht mit Arbeitslosenzeiten. Ich bekomme z.B. eine Rente unter der Armutsgrenze durch die Abzüge. Zum Glück waren wir in der Lage etwas zu sparen und sind zu zweit, sonst käme ich nicht über die Runden und müsste Sozialgeld beantragen. Man scheißt auf den Menschen in diesem Land!

frei-blog hat gesagt…

@PeWi,
ich habe mich auch gewundert, aber ganz so dumm war ich nun auch nicht :-)
Ich wollte eher darauf hinaus, dass ich erst durch das Internet die Zusammenhänge erkannte. Einen eigenen Anschluß besitze ich auch erst seit sechs Jahren.
Was den Rentenantrag betrifft (noch habe ich keine Aufforderung bekommen): Von meiner Rente könnte ich nicht leben und müßte aufstockend Sozialhilfe beantragen. Ich kann nur hoffen, dass sich meine finanzielle Situation dadurch nicht verschlechtert, vor allem, was Miete sowie Heizkosten und Umlagen betrifft

PeWi hat gesagt…

Hallo VoWu, ich wollte natürlich nicht sagen, dass du dumm bist. Ich hoffe, dass du das nicht so verstanden hast. Unser Nachbarin erhält zur Rente die Aufstockung und sie erhält im Prinzip (kann das jetzt nicht so auf Euro und Cent beurteilen) das, was sie bei H4 bekäme. Schlimm wird das Ganze nur, wenn der Winter kalt wird. Sie stellt die Heizung eigentlich nie an und nimmt nur die Wärme der Rohre, die durch die Wohnungen führen. Unsere Wohnungen sind im Prinzip recht warm. Weiter oben sparen zwei Männer vor allem am Licht - auch H4. Wenn man nicht in der Lage war, zu sparen, ist man ganz schön angeschissen. Das Geldzerren geht immer weiter. Ich dachte kürzlich, dass das Freiheitsgequatsche nur etwas für die ist, die besser da stehen. Ohne Geld hat man ja auch keinerlei Freiheiten. Du könntest z.B. weiter malen, aber ohne Geld ... Freiheit muss man sich halt leisten können. Es ist eine Schande, was hier in diesem reichen Land geschieht und die Menschen geben auch noch ihren Segen dazu und hetzen gegen diejenigen, die noch ärmer sind als sie, ob nun Arbeitslose, arme Rentner oder Ausländer. Stimmt! Ohne Internet, wäre man aufgeschmissen! Aber wie schon oben gesagt: Die Regierung ist ... Aber schön, dass du nicht auf deinen Blog verzichtest. Man ändert nichts, aber man sieht, das es andere gibt, die auch so oder ähnlich denken wie man selbst. Ich finde, dass das wichtig ist.
Vg PeWi