08.02.2015

Hartz IV-Tagebuch – Wohnraum und Brot

Irgendwo wurde wieder ein Obdachloser von der Straße geholt. Erfroren bei eisiger Kälte.

Man stirbt heutzutage sehr schnell, wenn das Leben zerrissen wird, wenn Hilfe und Existenz verweigert werden, die Wohnung gekündigt wurde, die persönlichen Reste auf einer Mülldeponie landen. Getrieben und zerrieben, zwischen Müllcontainern und der Suche nach einem Schlafplatz.

Die Zahl der Obdachlosen steigt. Die Zahl der von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen steigt ebenfalls. Parallel zum steigenden Reichtum einiger bevorzugten Auserwählten.

Keine Sicherheit auf Leben. Wer noch eine Wohnung besitzt, kann nicht mehr sicher sein, auf Dauer darin wohnen zu dürfen. Dafür gibt es staatliche Vorgaben, die Menschen auf Bedarfsgrößen reduzieren, die sie einzuhalten haben. Und ein Existenzminimum, das jederzeit auch wieder verweigert werden darf.

Und bitte nicht mit dem Finger auf Mitmenschen zeigen, die keine andere Wahl mehr haben, als sich bettelnd der Hoffnung hinzugeben, nicht noch tiefer in Armut getreten zu werden, letztendlich nicht als gesellschaftlicher Müll auf der Straße zu enden.

Auf dem Weg zur Tafel begegnete mir ein alter Mann auf seinem Elektromobil. Er durchwühlte Papierkörbe auf der Suche nach Pfandflaschen und Dosen. Wenn er Glück hatte, wenn er viel Glück hatte, durfte er sich – nach stundenlanger Suche – einen Laib Brot gönnen.
Oder auch nicht.

1 Kommentar:

Charlie hat gesagt…

Alternative Überschrift: Strom oder Brot

Dazu eine kurze Anekdote: Vor kurzer Zeit fragte ich eine alte Dame aus der Nachbarschaft, für die ich schon zuvor gelegentlich einen Einkauf erledigt hatte, ob ich ihr etwas aus dem Supermarkt mitbringen könne. Dies verneinte sie. Ich fragte noch einmal nach und erfuhr schließlich - in stark verklausulierter, arg verschämter Form, dass die Dame "momentan" kein Geld für Einkäufe mehr habe.

Sie ist über 70 und muss neben ihrer erbärmlichen "Rente" die ebenso erbärmliche "Grundsicherung" in Anspruch nehmen, um trotzdem nicht über die Runden zu kommen. Es war noch nicht einmal Mitte des Monats. Absurde Nachforderungen ihres ohnehin Millionen scheffelnden Stromanbieters hatten dazu geführt, dass sie schon zu Monatsbeginn kein Geld mehr übrig hatte.

Der Bürgerverein, in dem ich mitarbeite, hat ihr dann erst einmal weitergeholfen ("Tafeln" oder Ähnliches gibt es hier in erreichbarer Nähe nicht). Ich möchte gar nicht wissen, wievielen anderen (nicht nur) alten Menschen in diesem Land es ganz ähnlich ergeht, die sich einfach zu sehr schämen, "private" Hilfe - sofern sie denn überhaupt verfügbar ist - zu suchen. Verdenken kann ich das niemandem, denn "private" Hilfe ist so ziemlich das Schlimmste, was man Menschen in solchen Lagen, die eigentlich auf den Staat vertraut haben, antun kann - ganz besonders dann, wenn es sich um "dauerhafte" Hilfeleistungen handelt.

Dieser verkommene Staat samt seiner neoliberalen, raffgierigen "Eliten" widert mich nur noch an - mit jedem Tag mehr.