06.03.2015

Hartz IV-Tagebuch – Neuauflage Existenzangst

Das Jobcenter fordert mich auf, eine Rente wegen voller Erwerbsminderung zu beantragen. Sollte ich dem nicht innerhalb von zwei Wochen! nachkommen, würde mein bisheriger Leistungsanspruch eingestellt werden, ich wäre ebenfalls nicht weiter krankenversichert.
Auf die Gefahr einer zwangsläufig folgenden Obdachlosigkeit wurde ich nicht hingewiesen – wäre wohl  brutal zu lesen.

Da das Jobcenter seine weitere Zuständigkeit aufkündigt, verschiebt es mich vorläufig an ein Sozialamt, bis über meinem Antrag auf Rente entschieden wird. Neue Anträge stellen, neue Fragen beantworten, mich wieder neu erklären müssen –.

Unter diesen Umständen werde ich auf eine mögliche Hilfe für einen Umzug in eine andere Wohnung verzichten müssen, sprich: ich kann zusehen, wie ich diesen aus eigenen Mitteln finanzieren kann. Gar nicht.

Vor mir liegt ein beachtlicher Stapel aus Schreiben sowie Antragsformularen, geschrieben in einer Sprache, die ich nicht kenne. Kein Hinweis darauf, wer mir dies alles übersetzen könnte, damit ich nicht aus Unkenntnis ein existenzielles Risiko eingehe.
Immerhin bin ich in der Lage, auf den ersten zwei Seiten die Androhung der Einstellung meines Existenzminimums herauszulesen, sollte ich nicht –.

Kommentare:

Charlie hat gesagt…

Volker, ich kann Dir nur dringlich raten: Zunächst einmal solltest Du Widerspruch gegen den Bescheid einlegen und diesen vorerst nicht begründen (da kann man als Laie in viele Fallen tappen). Sodann wäre eine unabhängige Beratungsstelle ein nächstes sinnvolles Ziel, sofern es in Deiner Region so etwas gibt.

Eine erste Suche, falls Dir keine solche Beratungsstelle in Deiner Nähe bekannt ist, kannst Du beispielsweise über die Seite von Tacheles e.V. starten.

Vielleicht wäre eine Rente auch gar nicht die schlechteste Möglichkeit, sofern eine reelle Chance besteht, dass sie auch bewilligt wird - immerhin wärst Du damit aus den ganzen "Jobcenter"-Schikanen raus und müsstest Dich nicht länger mit sinnlosen Bewerbungen, noch sinnloseren "Maßnahmen", Sklavenjobs, "Eingliederungsvereinbarungen" und dem ganzen übrigen Mist des Hartz-Terrors herumschlagen. Aber da lasse Dich bitte von kompetenten Menschen vor Ort beraten - notfalls kann das auch ein Anwalt (für Sozialrecht) sein, wenn Du vorher beim Amtsgericht einen Prozesskostenhilfeschein bekommen hast.

Solidarische Grüße!

Ina hat gesagt…

Hallo Volker,

haben die irgendwelche medizinischen Gutachten (von unabhängigen Ärzten), die den Vorschlag einer vollen Erwerbsminderung überhaupt rechtfertigen?

Was Charlie vorschlägt ist schon gut.

Meine eigene Erfahrung ist so: Ich habe mehrere "Vermittlungshemmnisse", ergo weiblich ohne Mutterambitionen (mir wurde tatsächlich mal "Kriegen Sie halt ein Kind" geraten als ich sagte, ich bin nicht freiwillig im Leistungsbezug und will raus), ü30, mit Handicap und mit Ausbildung. Ich habe Jahrelang damit gerechnet, dass die mir auch so kommen. Dann hatte ich das Glück, dass für mich wegen der "Vermittlungshemmnisse" eine Fallmanagerin und nicht ein Beraterkarrussel zuständig ist, der habe ich ein paar klare Worte zu meiner Situation gesagt und die konnte ich auch belegen (haben die gar nicht gerne, an dem Punkt hatten die verloren), seitdem lassen die mich weitestgehend in Ruhe. Auch mit so "lustigen" Vorschlägen.

Viele Grüße und gutes Durchhaltevermögen!

Ina

frei-blog hat gesagt…

Es ist tatsächlich so, dass ich nicht mehr "DEN Anforderungen eines Arbeitsmarktes" entspreche. Die Gründe dafür (ich möchte sie hier nicht breittreten)habe ich gottseidank endlich beweisen können, und sie wurden auch vom ärztlichen Dienst anerkannt. Von daher – und da gebe ich Charlie recht – kann ich froh sein, nicht mehr durch die Hartz IV-Entmündigung gejagt zu werden.
Was ich in meinem Beitrag ausdrücken wollte: Es nimmt halt kein Ende, und erst einmal kommen neue Ängste auf. Ich kann nur hoffen, dass sich meine Lage dadurch nicht weiter verschlechtert und die Bevormundung aufhört.
Ich bin es wirklich leid und möchte die mir verbleibenden Jahre nur noch frei atmen können. Auch als Armutsrentner.

Ina hat gesagt…

Dann hast du hoffentlich das Glück und die (und ihre sämtlichen Ableger ala Sozialamt etc.) lassen dich nachdem du dann die eventuelle Berentnung durch hast in Ruhe.

Ich bin der Ansicht, man muss die Gründe warum man nicht mehr "kompatibel" ist (örtliches Amtsdeutsch) auch nicht breit treten. Das muss jedem selber überlassen sein ob man sie nennt und wo. "Hobby-Gutachter" in Form von Nachbarn etc. gibt es genug. Leider.



Ich hoffe doch sehr, dass wenn sich deine Lage schon nicht verbessern lässt, sie doch wenigstens nicht schlechter wird und du wenigstens ein bisschen Luft hast. Genug um wenigstens richtig spüren zu können, dass die "Kordel" der Bevormundung etc. pp. durch Jobcenter weg ist. Dass bis dahin Ängste bestehen kann ich gut nachvollziehen.

Procne hat gesagt…

Hallo, ich kenne die Angst beim Uebergang zum Sozialamt auch sehr gut. In meinem Fall wollte ich das auch nicht, mir haben die einfach ueber ein Gutachten per Aktenlage Erwerbsunfaehigkeit angehaengt und mein auf einer persoenlichen Untersuchung beruhendes Gegengutachten sowie den Widerspruch abgelehnt. Das Amtsgericht wollte keinen Beratungsschein fuer einen Anwalt gewaehren und ohne diesen war mir das Risiko mit meinem Eilantrag zu scheitern einfach zu gross. Jetzt bin ich auch beim Sozialamt. Einerseits bin ich froh die Schikanen des Jobcenters los zu sein, andererseits schmerzten mich die finanziellen Nachteile. Anders als im ALG2 Bezug ziehen die einem 70% der Einnahmen ab, unabhaengig von der Hoehe des Einkommens. Anspruch auf Fahrtkostenerstattung gibt es ebenfalls nicht, die Hoehe der tolerierten Ersparnisse ist geringer und Lebensgefaehrten werden selbst bei einer Wochendbeziehung zur Kasse gebeten. Zurueck zum Jobcenter will ich zwar nicht mehr, denn Toleranz eines Teilzeitstudiums oder Beratung zur Selbststaendigkeit oder sonstige sinnvolle Massnahmen bekam ich dort auch nie, andererseits ist es unter den Bedingungen der Sozialhilfe unmoeglich den Weg in eine buergerliche Existenz zu finden. Ich wuensche Dir einen reibungslosen Uebergang in die Rente und einen Gewinn an Lebensqualitaet. Die Befreiung vom Jobcenter ist schon eine grosse Entlastung. In meinem Fall sind auch die Angestellten des Sozialamtes und auch ihre Schreiben viel netter. Liebe Gruesse

frei-blog hat gesagt…

Hallo Procne,
danke für Deine Kommentare.
Dein zweiter Kommentar wurde von Google leider nicht übernommen, trotz meiner Freischaltung. Ich habe ihn aber gelesen.
Ich hatte gerade mit dem Jobcenter telefoniert: Mein ALG II wird weitergezahlt, bis in Berlin über meinen Rentenantrag entschieden wurde. Danach werde ich wohl aufstockend noch Sozialhilfe beantragen müssen.
Ich freue mich, dass Du mit deiner Wohnsituation zufrieden bist. Für mich wird es schwierig werden. Die wenigen Sozialwohnungen, die es hier noch gibt, sind alle belegt, und die Wartezeiten sind sehr sehr lange.
Liebe Grüße-
Volker