18.04.2015

Hartz IV-Tagebuch – Bratwurst und Kunst

Ich laufe über den Frühjahrsmarkt in B.C.

Nach längerem Zögern entscheide ich mich für den Luxus einer Rostbratwurst für zweifünfzig, um meine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben mit Nachdruck einzufordern. Wer weiß, wie oft ich noch in den Genuß solch kleiner Köstlichkeiten kommen werde, was ich mir über die Jahre schon fast abgewöhnt hatte.
Ein böswilliger Zeitgenosse könnte dabei der Meinung sein, ich lebe wie eine Made im Speck des Steuerzahlers, oder mich gleich denunzieren, da ich offentsichtlich ein Sozialbetrüger sei, denn, welcher Hartzer kann sich von seinem Hartzgeld noch eine Bratwurst leisten. Flüchtige Gedanken, während der letzte Bissen fast in meinem Halse stecken bleibt.

Auf einer Bank döse ich einem kriminellen Tagtraum entgegen, in dem ich eines meiner Bilder verkaufe, diese Einnahme allerdings nicht anzeige, damit man sie mir von meinem Existenzminimum wieder abziehen kann, sehe mich vor einem Richter herniederknien, der mir ein tonnenschweres Gesetzbuch um die Ohren schlägt, mit den Worten:» Im Namen des Volkes, sie sind ein Betrüger!«
Ich dürfte weiterhin malen, aber unter Hartz IV-Bedingungen, heißt: jeden Pinselstrich offenlegen, dokumentieren und vorab schon einen Preis nennen. Sollte ich meiner Mitwirkungspflicht nicht nachkommen, drohe mir der Entzug meiner verbliebenen Bürgerrechte.


Autsch. Ich mag keine Tagträume, die sich an der Realität orientieren, mich in Schrecken versetzen, anstatt mir neue Wege aufzuzeigen.

Kommentare:

Ina hat gesagt…

Das kenne ich auch. Bei mir ist es allerdings keine Bratwurst (warum hat die sich dann Freitag für 3,20€ ihre erste Currywurst mit Pommes seit Jahren gekauft und vor allem wo hat sie das Geld her?), sondern das Second Hand-Antiquariat in der Innenstadt, durch das ich alle drei Monate wenn ich zufällig vor Ort bin gehe. Die haben eine Kunstabteilung mit alten Ausstellungskatalogen und so was, wo ich ab und zu drei-vier Monate gesparten Bildungsbedarf, also insgesamt etwa fünf Euro, im Tausch gegen guterhaltene Bildbände lasse. Ich bin Künstler, ich brauche Inspiration. (Und ja, ich war letztens im Museum. Kostet hier an einem Nachmittag in der Woche nichts.) Manchmal habe ich dann auch so einen Denunziaten im Kopf "Nichts zu fressen, aber dicke Kunstwälzer... Da stimmt was nicht."

Noch schlimmer ist der Materialladen. Ich spare mir das Geld penibelst ab, aber ich gehe da manchmal wirklich rein und denke mir "Bitte, dass mich niemand sieht" falls mir einer mit dem imaginären Knüppel kommt "Ja, die könnte ja... also offensichtlich, wenn sie in einen Künstlermaterialladen geht, einen Reibach machen." Kann sie nicht, ist sie nicht. Einen Mäzen hat und will sie auch nicht.

Ich muss morgen eine Bescheinigung für den Rundfunkservice abholen. Ich muss nur zum Empfang, das ist bisher immer gut gelaufen und nie länger als zehn Minuten, und immer freundlich und sogar hilfsbereit (selten, ich weiß), aber alleine die Aussicht, dass ich in dieses JC-Gebäude reinmuss (psychosomatisch)...

Viele Grüße Ina

Anonym hat gesagt…

...Ina...kann nicht sein.....den Freistellungsantrag für Rundfunk (ehemals GEZ) erhälsz du mit den halbjährigen Bewilligungsbescheid...

Ina hat gesagt…

Hallo Anonym vom 26. April,

so wie du es beschreibst kannte ich es auch ursprünglich. Da wohnte ich noch nicht in einer Optionskommune. Jetzt schon, und die dürfen sich anscheinend aus irgendwelchen Gründen entscheiden, das anders zu handhaben. Ist auch erst seit etwa einem Jahr so, davor konnte man seinen Bearbeiter einmal bitten, den Schrieb beizulegen und gut war. Dann wurde bei denen irgendwas im Ablauf geändert und man bekam ein Schreiben, dass man nun immer mit seinem Antrag zur Anmeldung müsse. Ich weiß nicht ob das was Organisatorisches ist, weil die dort gleich alle Stempel draufpacken könnte das so sein.

Aber für Nicht-Optionskommunen (sofern die das alle gleich handhaben, das Ding heißt hioer zum Beispiel auch nicht Jobcenter sondern Sozialagentur) hast du recht. Zumindest kenne ich es da auch nicht anders als von dir beschreiben.

Viele Grüße

Ina

Angela hat gesagt…

Lieber Volker,
Meine knappen Ressourcen verwende ich nicht für eine Bratwurst, kann die Sehnsucht nach dem "normalen Leben" allerdings nur zu gut verstehen! Ich werde hier regelmäßig mit-lesen, Anteil nehmen, spüren welche Bedürfnisse zum Ausdruck gebracht werden müssen. Diesem ganzen Wahnsinn einen Ausdruck geben ist wichtig um zu überleben. Viel Glück und Erfolg dabei
wünscht
Angela