22.05.2015

Hartz IV-Tagebuch – gärender Menschenmüll

Freitag. In zwei Stunden werde ich mich auf den Weg zur Tafel begeben, in der Hoffnung, eine niedrige Nummer zu ziehen, um ein paar brauchbare Lebensmittel zu bekommen. Wenigstens für die nächsten drei Tage, da zwanzig Euro bis zum Monatsende zum Leben kaum mehr ausreichen.

Als ich mich vor einigen Jahren zum erstenmal dem Zwang unterwarf,  als Bittsteller auftreten zu müssen – nicht als vollwertiges, anerkanntes Mitglied mit gesellschaftlichen Wurzeln – schrie mein Selbstwertgefühl geradezu auf. Die Vorstellung, als geduldeter Bettler noch dankbar auf meinen Knien herumrutschen zu müssen, vor den verschlossenen Türen meiner Gesellschaft, in die ich hineingeboren wurde, diese bittere Realität nagte nicht nur an meiner Würde –.

Ehrenamtliche Helfer versorgen freitags Zwangsverarmte mit Berechtigungsbescheinigung für Armutszuwendungen  aus überdimensionierten Konsumtempeln.
Wenn überhaupt. Des Bettlers letzte Hoffnung wird oftmals an einem Freitag begraben. Dann darf er wieder gehen und sich neuen Hoffnungen hingeben. Bis nächste Woche, und nicht vergessen: es gibt kein Recht auf Armenspeisung.

Die brutale Logik kapitalistischen Irrsinns schlägt erbarmungslos zu, prügelt und tritt auf ausgesonderten, nicht verwertbaren Menschenmüll herum, der gärend durch Abwasserkanäle gespült wird.

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