17.06.2015

Hartz IV-Tagebuch – maximal würdig

Ich bin es leid, immer und immer wieder darauf hinzuweisen, in der Hoffnung, dass meine Endlosschleifen nicht umsonst sein werden.

Menschen, die zu einer Tafel gehen, erniedrigen sich nicht freiwillig, sie handeln aus einer erzwungenen Not heraus.
In der breiten Öffentlichkeit entsteht häufig eine verfälschte Wahrnehmung realer Lebensumstände der Leistungsbezieher, also: Langzeitarbeitslose, aufstockende Hartz IV-Bezieher und Armutsrentner mit aufstockender Sozialhilfe.
Die allgemeine Meinung, dass ein Hilfebedürftiger ausreichend versorgt sei, da ihm nicht nur ein Existenzminimum (?) bewilligt wird, sondern dazu noch die laufenden Kosten für eine Wohnung sowie Heizkosten übernommen werden, geht an der Realität völlig vorbei.
Die Berechnung der Mietkosten für eine ausreichend menschenwürdige Wohnung orientiert sich nicht an den realen Mietkosten angebotener Wohnungen. Wer sich nicht in eine unzumutbare Wohnsituation hineindrängen lässt, wird ein Teil seines Existenzminimums für den Erhalt seiner Wohnung dazu verwenden müssen. Dazu kommem noch zwingende Ausgaben für Strom, Telefon/Internet sowie eine Kontonutzungsgebühr.
Nach Abzug aller lebenserhaltenden Kosten verbleibt danach nur ein kläglicher Rest für Nahrung, Haushalt und Bekleidung: 148 Euro Existenzmaximum für ein würdiges Leben in Armut –.

Kommentare:

PeWi hat gesagt…

Kenn ich. Ich quassle mir den Mund fusselig, um diese Vorurteile zu widerlegen. Das will einfach niemand hören. Da kann man mit Gesetzen kommen, aber das interessiert niemanden oder kaum jemanden. Ich bin zwar nicht auf irgendwelche Zuwendungen angewiesen, aber nur, weil ich ein Quentchen Glück hatte. Übrigens, gibt es bei euch kein Geldinstitut, welches keine Kontogebühren verlangt? Wir haben gewechselt, weil ich es nicht einsehe, Gebühren dafür zu zahlen, dass ich denen die Arbeit abnehme und auch noch mein Geld überlasse.

Bel hat gesagt…

Und unsere meisten Mitmenschen, Nachbarn, Kollegen, Bekannte, etc. finden das - seit Jahren schon - obendrein völlig ok, wenn die große Masse von H4-Betroffenen buchstäblich am Hungertuch nagt und gesellschaftlich komplett ausgegrenzt ist.

Oder kann sich Jemand an ein WAHL-Verhalten in den letzten Jahren erinnern, das diese schlimmen Zustände unter H4, bzw. die verantwortlichen Parteien, vielleicht mal irgendwie hätte abschaffen wollen?

Nö, die Allermeisten finden das scheints völlig ok, wie ihre direkten Mitmenschen leiden müssen...

Mich macht sowas ganz fertig.

frei-blog hat gesagt…

@Bel,
wem es noch einigermaßen gut geht, beschäftigt sich nicht mit diesem Thema und zeigt auch kein Interesse, wenn ein Betroffener darüber erzählt. Man tut etwas erstaunt und dreht sich um. So jedenfalls meine Erfahrungen darüber. Gerade hier fängt auch schon die gesellschaftliche Ausgrenzung an. Wir nennen dies allgemein eine gesellschaftliche Spaltung, und dieser Keil wirkt sehr tief. Und ja: es macht fertig.
Gruß Volker

PeWi hat gesagt…

@Bel: Wahlen helfen da nicht. Auch wenn die Parteien wirklich in den Wahlprogrammen so tun würden, als wenn sie den Menschen helfen wollten. Nach jeder Wahl sind Programme Müll. Die wirklichen Auftraggeber von Regierungen sind nicht die für dumm verkauften Kreuzchenmacher, die meinen Demokratie zu spielen, sondern diejenigen, die Geld und Macht haben, wie eine Liz Mohn, mal als kleines Beispiel. Und Liz Mohn z.B. würde den Teufel tun, als den armen Menschen helfen zu wollen. Humanität und Ethik steht nicht auf den Fahnen von dem 1% derjenigen, die alles besitzen. Die interessiert nur noch die messiehafte Geldvermehrung ihrer Konten und unsere Regierung sind deren Marionetten.

Anonym hat gesagt…

…”Das Vordringlichste ist, die „Waffen“ des Grundgesetzes zu gebrauchen, um die Regierung zu zwingen, radikale Strukturreformen zu vollbringen. Wenn die Politiker das nicht tun, muss man eben andere wählen. Es braucht neue soziale Bewegungen. Es braucht den Aufstand des Gewissens.” – Jean Ziegler

preussischer Widerstand hat gesagt…

Ich wurde auf deinen Blog aufmerksam gemacht, da ich in der selben Situation bin und Hartz-IV beziehe. In meiner Umgebung wird dieses Thema, ob das Geld reicht, einfach tot geschwiegen. Selbst wenn ich anspreche, dass ich einfach nicht davon leben kann, wird einfach gesagt, dass ich mich eben einschränken muss. Was ich denn erwarten würde? Und dies ist nicht mal böse gemeint. Aus diesem Grund habe ich auch mit einer Freundin, die zum Glück noch nicht in dieser Situation ist, aber es sehr gut versteht, einen Blog gegründet. Auch ich habe mich mit dem Thema Ernährung und was man so mit diesem schmalen Budegt überhaupt erwarten kann auseinander gesetzt: http://stillerevolution.blogspot.de/2015/04/onkel-mehmet-und-das-hartz-iv-gemuse.html Mir ist klar geworden, dass man nicht nur wenig Geld zum Kauf von Lebensmitteln hat, sondern, dass dieses Geld nur für Lebensmittel reicht, die voller Chemikalien, Fett und Zucker stecken, während sich die "Reicheren" die tollen Biolebensmittel leisten können.
Toller Blog. Ich werde auf jeden Fall öfter vorbei kommen.

Grüße
http://stillerevolution.blogspot.de/

frei-blog hat gesagt…

@Widerstand,
danke für Dein Interesse zu diesem Ort.
Die schweigsame Mehrheit hat es noch nicht begriffen. Oder besser gesagt: Sie hat es schon begriffen, flüchtet sich aber in die Verdrängung.

Ve Rena hat gesagt…

Kein Wunder,dass sich nichts bessert,denn es werden doch immer Sündenböcke gebraucht...Und das sind dem Fall eben die Menschen,die in Armut (also in finanzieller...) "leben".
Die Mittelschicht hat viel zu viel Schiss,da selbst reinzurutschen,also wird geschimpft und verdrängt.So,wie die Regierung es will....