19.08.2015

Hartz IV-Tagebuch: Abgesicherte Armut auf Raten, Teil II

In mir köchelt Wut, Behörden spielen mit mir Ping Pong.

zuvor: Teil I sozialpolitischen Irrsinns

Fakt ist: ohne eine Überbrückungszahlung werde ich den Monat Oktober nicht überstehen können, mit allen weiteren Folgen, die sich daraufhin ergeben werden.
Auf meine telefonische Anfrage beim Jobcenter bekam ich zur Antwort, dass das Jobcenter für mich nicht mehr zuständig wäre und ich keine Berechtigung auf eine Überbrückungszahlung/Darlehen hätte: »Wir haben Wichtigeres zu tun.« Ich sollte mich an das Sozialamt wenden.
Danach rief ich den zuständigen Sachbearbeiter des Sozialamtes an, der mir erklärte, er benötige für eine Prüfung der Lage einen Ablehnungsbescheid des Jobcenters. Ping Pong –

Ich bin nun irrwitzigerweise dazu gezwungen, einen Antrag beim Jobcenter einzureichen, und dies nur, um einen Ablehnungsbescheid vorweisen zu können, damit das Sozialamt meine Notsituation überprüfen kann, mir gegebenenfalls (auch hierbei eine bedrohliche Unsicherheit) Hilfe gewährt. Nach Aussage des Jobcenter-Sachbearbeiters könnte ich allerdings mit einer schriftlichen Stellungnahme nicht vor drei Wochen rechnen, da der Kollege in Urlaub sei.
Man hat eben Wichtigers zu tun, als eine Notlage zu erkennen und ein Schreiben, für das ich fünf Minuten benötigen würde, auf den Weg zu bringen. Wir sind für sie nicht mehr zuständig! Ich habe das sehrwohl begriffen, nachdem ich als Unmündiger zwangsverrentet und ausgelagert wurde.

Die nächsten Wochen werde ich unter Bangen und Hoffen verbringen.
Es reicht! Es reicht mir, nach zehn Jahren zwischen Bemühungen und Hoffnung noch weiter in den Boden getreten zu werden.
Es reicht mir ebenfalls, nicht mehr als Mensch behandelt zu werden, letztlich noch als Kostenfaktor geduldet, der mit allen Mitteln einer menschenverachtenden Politik bekämpft und zusammengestrichen wird.

Ich darf noch wütend sein. Wenigstens dies noch –

Kommentare:

Ina hat gesagt…

Ohne Worte. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Vielleicht hofft da irgendeiner an irgendeiner hohen Stelle auf möglichst hohe Raten "sozialverträglichen Ablebens", was mal wieder die ganze Perversion demaskiert. Und unten drunter sitzen dann die Schafe, die nicht für zwei Cent nachdenken, was sie da eigentlich absegnen. (Klar, einige werden das ganz genau wissen, aber da es sie - noch! - nicht selber trifft...)

frei-blog hat gesagt…

Ina,
danke für Dein Lesen hier.

Ina hat gesagt…

Da nicht für. Ich kenn das doch alles selber... Ich hatte dich auch irgendwann verlinkt, und erzähle es auch immer weiter, keine Ahnung ob darüber jemand zu dir gekommen ist.

Es ist merkwürdig wie sehr das alles gerade umgreift, egal wo ich lese entweder es rutscht jemand rein oder es wird jemand in Rente gedrängt. Diese Ballung ist mir unheimlich. Selbst der feynsinn-Mensch steht auf der Kippe zur Bedarfsgemeinschaft, wenn ich dessen Artikel richtig verstanden habe. (Da kommentiere ich nicht, da lese ich nur.) Und der widerrum hat eine Journalistin verlinkt, die jetzt reinrutscht laut ihrem Artikel... Auf der Straße begegneten mir auch zwei Leute, die jetzt aussortiert wurden...

Ina hat gesagt…

Hallo Volker,
das brauchst du nicht veröffentlichen. Mir ist noch was eingefallen: Bei mir in der Stadt stellt die die Linke ihre Räumlichkeiten einer ALGII-Betroffenen-Initiative zur Verfügung, laut Zeitung kommt da auch einmal pro Monat eine Anwältin, die kostenfrei berät und hilft hin (in wie weit weiß ich allerdings nicht, ich habe das nie nutzen müssen). Habt ihr bei euch so was ähnliches (muss ja nicht von einer Partei sein)? Wenn ja, vielleicht kann da irgendwer eine Notberatung organisieren wenn du mal da anrufst wo die Räume zur Verfügung gestellt werden und deinen Fall schilderst. Vielleicht lässt sich dann irgendwas machen, dass die Ämter sich beeilen müssen oder Überbrückungsgeld geben. Oder die haben noch irgendwelche Tipps. Ich würde mir zwar keine großen Chancen ausrechnen, aber ein Versuch ist ein Versuch. Hast du mal mit der Caritas oder der Diakonie gesprochen, die haben doch manchmal - ob bei euch weiß ich nicht - Krisenberatungsstellen. Sind zwar auch nicht die uneigennützigsten Helfer im Gesamtbild, aber vielleicht weiß da wer was oder du hast wenigstens einen Nachweis, falls du mal einen brauchen solltest, dass du versucht hast dir rechtzeitig Hilfe zu holen bevor die Situation für dich eskaliert.

Viele Grüße und viel Kraft

Ina

frei-blog hat gesagt…

Liebe Ina,
selbst engagierte Berater der Caritas sind heute überfordert.

Ina hat gesagt…

Schöne Scheiße. Das konnte ich nicht wissen. Es ist zum Schreien!

VDK oder ähnliches? Die haben auch Rechtsberatung. Eigentlich muss man da Mitglied sein, aber ich hatte einmal Glück und bekam ohne Mitgliedschaft gute Beratung und letztlich Hilfe, weil mein Fall drastisch war. Deiner ist es auch. Vielleicht ist da noch jemand nicht überfordert.

Rotes Kreuz? Ich weiß nicht ob es das bei euch gibt, hier machen die auch was für Arme. Vielleicht weiß da irgendeiner...

Wer trägt die Tafel bei euch? Wer organisiert die Obdachlosenhilfe? Wenn es nicht die Diakonie oder Caritas ist, vielleicht wissen deren Träger noch irgendeinen Kontakt. Menschen, die wegen dem System ihre Wohnung möglicherweise verlieren weil sie die Miete nicht aufbringen können und nichts zu Essen kaufen können, sind deren potentiell nächstes Klientel. Die müssten eigentlich was wissen.

Mensch, so eine Scheiße...

(Die Kommentarfunktion spinnt, ich hoffe, du hast das jetzt nicht xfach.)