12.08.2015

Hartz IV-Tagebuch: Neusprech »Hartzie« – ein Kommentar zu ...

heise.de


Sobald an hilfebedürftige Menschen Sozialleistungen gezahlt werden, immer die gleichen Vor- und Halbwahrheiten. Das gab es auch schon vor Einführung Hartz IV, und jeder kannte vom Hörensagen irgend einen Sozialhilfeempfänger, der sich an seinem sorgenlosen Leben erfreute.
Statt Mitgefühl und Verständnis aufzubringen, wird verachtet, unterstellt und verbal geprügelt. Der Hilfebedürftige soll sich seiner Hilfebedürftigkeit schämen, sich wegducken und klein machen.

„Ich muß auch arbeiten, mir schenkt keiner irgendwas!“
Solche häufig gehörten Argumente zeugen von erheblichen sozialen Defiziten, sogar von unterschwelligem Neid. Wobei ich immer wieder darüber erstaunt bin, dass die Realität der sozialen Entwürdigung von vielen Mitmenschen nicht wahrgenommen, sogar ausgeblendet wird.

Die gesetzlich vorgeschriebene Verpflichtung, etwa 30 EUR aus dem Regelsatz/Grundsicherung für notwendigen, einmaligen Bedarf anzusparen!, ist einfach nicht möglich.
Für neue Staubsaugerbeutel müßte ich somit 3 Monate ansparen, sollten mir am Ende eines Monats noch 3 Euro übrigbleiben (ist nicht), für eine Waschmaschine benötigte ich 10-15 Jahre, für ein paar neue Schuhe etwa 3 Jahre, und so weiter –

Man darf unter diesen Bedingungen allerdings nicht altern und krank werden, sonst wird nach Gesetzeslage frühzeitiger gestorben. Ebenfalls eine Verpflichtung, für die man noch ansparen sollte.

Eine Bitte hätte ich noch: Streicht die würdelose Bezeichnung »Hartzie« aus der Alltagssprache heraus. Wir sind Menschen, keine Verniedlichung der Armut.

Kommentare:

preussischer Widerstand hat gesagt…

Ich finde es super, dass du die Dinge so klar ansprichst. Leider kommt dies in der Gesellschaft einfach nicht an. Ich verstehe das auch nicht. Selbst die ehrenamtlichen Mitarbeiter bei der Tafel erwarten ja nicht selten irgendeine Form der Demut und Dankbarkeit von den Bedürftigen und reagieren ziemlich empfindlich, wenn diese ihrer Meinung nach nicht angemessen genug erfolgt. Ständig wird man stigmatisiert und in eine Ecke gedrängt. Ich beziehe auch Hartz IV. Doch ich bin ich und nicht bloß ein Hartz IV - Empfänger.

http://stillerevolution.blogspot.de/

frei-blog hat gesagt…

@p.W.
das Beispiel mt den Staubsaugerbeutel ist leider bittere Wahrheit, ich könnte es noch durch viele andere Beispiele ergänzen.
Ich hatte ein Jahr gebraucht, um mir einen neuen Personalausweis zu finanzieren. Die Leiterin des Ordnungsamtes sah mich erstaunt an, als ich sie fragte, ob, wie in einigen anderen Städten (ich las jedenfalls darüber), die Verwaltungskosten für ALG II-Bezieher von der Stadt übernommen würden. Mit dem Verständnis einer gut versorgten Beamtin war sie tatsächlich der Meinung, das dies nun mal alles über den Regelsatz abgedeckt sei. Als ich das Büro verlies, hörte ich eine andere Sachbearbeiterin kichern. In solchen Momenten juckt es mich schon, den Leuten ernsthaft klarzumachen, dass ich ihre Beamtenbezüge mitzahle, und zwar aus meiner Grundsicherung. Wahrscheinlich wären sie damit überfordert, um ein paar Ecken weiterzudenken.
Das größte Problem ist noch die Suche nach einer anderen Wohnung, in meinem Fall sehr dringend. Irgendwie, irgendwann werde ich dies wohl auch noch irgendwie lösen müssen. Rattenlöcher werde ich jedenfalls meiden –

Ina hat gesagt…

Ich könnt's mal wieder unterschreiben. Und dieses Wort "Hartzie"... Ich weiß, schwer vorstellbar, aber mir ist das bis dato nur, und ich meine ausschließlich, begegnet bei Akademikern (fertiger Master-Abschluss), die es selber bekommen haben und irgendwo noch Reserven hatten und sich sicher waren, da bald wieder rauszukommen. Die zwei mir bekannten Fälle sagten auch sie würden "hartzen". Ich finde das sagt viel aus, darüber dass die sich noch immer "oben" sehen...

*kopfschüttel*

Als ich zuletzt meinen Ausweis erneuern musste war ich "zum Glück" noch Aufstocker, 28€ oder was das 2011 waren sind kein Pappenstiel. Aber als ich für die Stelle damals das unentgeltliche Führungszeugnis (da wo ich wohne war das so, dass man die 15€ nicht zahlen musste wenn man seinen ALG II-Bescheid vorlegte) in Anspruch nehmen wollte wurde ich auch angeschaut... Der hat sich vermutlich hinterher auch noch über die Blöde mit dem Zettel mokiert.