30.12.2015

Damals – Offenbach am Main, Hausnummer 60.

Firmenwohnungen einer Firmenwohnsiedlung: zwei Stockwerke, sechs Familien, Keller, Speicher, Rasenflächen, Trauerweiden, Vogelnester, Wäscheleinen, Fahrradständer, Landeanflüge im Aufschwung über versteckte Trümmer aus einem Weltkrieg.

In der Waschküche des Kellers wurde nach Waschplan Wäsche gewaschen. Waschtrog mit Holzbefeuerung, nachbarschaftliches Geschwätz aus Kittelschürzen und klammer Lohntütenarbeit.
Im Keller lagerten Eierkohlen und Briketts neben Kartoffeln und Eingemachtem aus dem Schrebergarten, in Steinguttöpfen gährten Bohnen und Kraut für kommende Wintertage. Man mußte über die Runden kommen, irgendwie –
Bis auf den blühenden Gärten ein Neubaugebiet errichtet wurde, die erste Aldifilliale in Offenbach eröffnete.

An manchen Tagen wehte der Geruch von faulen Eiern aus der frankfurter Müllverbrennungsanlage nach Offenbach, setzte sich fest, lies Nasen rümpfen. »Monte Scherbelino«, ein Abfallgebirge, stank nach Großstadtmüll und Wirtschaftswunder, begleitet vom Motorengeheul einfliegender Maschinen im Minutentakt, die – zum Greifen nah  – Menschen erzittern liesen.

Um die Ecke gab es einen Konsum, einen Metzgerladen und ein Kiosk, dessen Betreiberin Laufmaschen aller benachbarten Damenstrümpfe flickte, uns Kinder Wackelbildchen und Plastikflieger mit Gummiringen verkaufte, die wir zwischen den Häusern herumfliegen liesen, bis sie von Mauern verschluckt wurden.

Im Winter bauten wir angegraute Schneemänner vor der Haustür, bewarfen uns mit Schneebällen,  unsere vereisten Hände glühten, eingepackt in selbstverstrickter Wolle, den Rollkragen über die Nase gezogen, lachten über Mützen mit Bommeln, unter denen sich Mamasöhnchen versteckten, vor einbrechender Dunkelheit sandmännchenbehütet eingefangen wurden.

In Hausnummer 62 verstarb einer von uns an Krebs, ein Junge von nebenan, eine Tür weiter, den wir nur selten sahen, nicht einmal im Freibad während den Sommerferien –

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