16.12.2015

Onkel Johann träumte Schützengraben.

Onkel Johann, Bruder meiner Mutter, die im Stadtkrankenhaus Offenbach als OP-Schwester Kriegsversehrte zusammenflickte, eben dieser Onkel, ein Heimkehrer von der Front, konnte nicht mehr weinen, da ihm  – nach dem Weltkrieg –  menschliche Regungen dieser Art abhanden kamen, nachdem der Kopf eines Soldaten vor seinen Augen hinweggeschossen wurde.

Onkel Johann baute nach dem Weltkrieg ein Eigenheim in einer Eigenheimsiedlung, rauchte Reval und versuchte sich im Vergessen,  bis er an Alterschwäche verstarb, eine Gnade erlebter Erinnerungen nach Nazideutschland im Eigenheim.

Ob mein Onkel Johann an der Front ebenfalls Köpfe hinwegschoss, diese entscheidende Frage konnte ich leider nicht mehr stellen, weil sich über Eigenheimsiedlungen ein Schweigen verbreitete, Kinder keine Fragen stellen durften.

Kommentare:

Charlie hat gesagt…

Dazu ein persönliches Statement: Als ich noch ein Kind war, hieß es auf die Frage, wo denn mein Opa sei (andere Kinder hatten einen oder gar zwei, ich jedoch nicht), stets: "Der ist im Krieg geblieben." Erst in gesetztem Alter, als ich den einen oder anderen Haushalt von verstorbenen Verwandten auflösen musste, habe ich herausgefunden, dass er nicht nur Soldat, sondern ein glühender Nazi gewesen ist - ebenso wie meine Oma, die mich seinerzeit, als ich etwa sechs oder sieben Jahre alt war, aufgrund meiner schlimmen Verfehlungen gerne mit dem Teppichklopfer verprügelt hat.

Der Mantel des Schweigens hat damals wunderbar funktioniert.

frei-blog hat gesagt…

@Charlie,
leider gibt es bei mir eine große Lücke, die ich gerne aufgefüllt hätte, als ich anfing, mich als Jugendlicher für Politik zu interessieren (Vietnamkrieg), später gerne Fragen gestellt hätte, deren Antworten die betreffenden Menschen mit in's Grab nahmen.
Ob sie sich mit mir darüber unterhalten hätten, bezweifle ich. Selbst über meinen Vater weiß ich nichts genaueres (er starb, als ich vierzehn Jahre alt war), erinnere mich aber noch daran, dass er NPD wählte und wöchentlich die Nationalzeitung kaufte. Ansonsten kein einziges Wort über den Krieg und die damalige Zeit. Ein Tabuthema.

Was mir später erst so richtig bewußt wurde, war eine allgemein verbreitete Redewendung, wenn jemand über einen Stein oder eine Wurzel stolperte: "Eine Juddennas –"
Welches Kind begriff schon, welch brutale Wahrheit sich dahinter verbarg. An Silvester nannten wir die Pfennigkracher "Juddenförz". Ganz übel –

Bis heute hat sich nichts geändert, Pegida & CO. lässt grüßen. Scheint mir auch ein Tabuthema zu sein, das man lieber in einen Mantel des Schweigens hüllt. Sind ja alles anständige Menschen aus der Nachbarschaft –

Gruß
Volker

Ina hat gesagt…

Der Vater meiner Mutter, ein Siebenbürger Sachse, hat wie es bei Herta Müller in der Literatur heißt "Friedhöfe gemacht". Darüber wurde auch nicht gesprochen, weder mit seinen Kindern noch mit seinen Enkeln. Es fiel nur auf, dass z.B. meine Mutter immer versuchte ihn als armes Schwein darzustellen, das keine Wahl gehabt hätte. Psychologisch irgendwo klar, wer will schon so einen Papa oder dass man wegen dem vielleicht in der Nachbarschaft Probleme bekommt?! Da muss man sich natürlich nicht wundern wo bestimmte ihrer Annahmen, wie ihre Kriegsfreudigkeit und ihre Einstellung zu Minderheiten (inklusive mir als durch Kunstfehler gehandicaptem Kind) herrühren. Aber als Kind, wenn du nur die Diskriminierung abbekommst oder siehst und keiner drüber spricht weiß man das natürlich nicht. Bei ihr ist das so, und so sind bestimmt nicht wenige, wenn sie etwas nicht sagt, dann ist es nicht da, folglich hat sie natürlich auch gar kein Problem mit ihren geflohenen Nachbarn, nur nicht. Der Tonfall denen gegenüber sagt was anderes. (Sie hat auch, wenn die Leute nicht daneben stehen, den ein oder anderen Kommentar, den ich hier nicht wiederhole, aber das ist dann natürlich gar nicht rassistisch... sie doch nicht, ein ganz anständiger Mensch ist sie... Und so denken sicher viele von sich.)