12.12.2015

Tante Biba, ihr Küchenkneipchen, Schreie aus dem Fernseher, Fleischwurst, ein Inder und ich.

Meine seelige Tante Elisabeth, Schwester meiner Mutter und Witwe, von mir seit Schnullertagen »Tante Biba« genannt, pflegte ihr geliebtes Küchenkneipchen, das nach Jahrzehnten seinen Dienst nicht mehr erfüllte, danach im Müll landete.
Kurz darauf verstarb auch meine Tante.

Tante Biba gehörte zu den ersten Nachkriegswitwen mit Schwarz-Weiß-Fernseher, zur Freude meiner Nachkriegseltern, die zwar ein Röhrenradio von Nordmende besaßen, ein eigener Fernseher aber noch nicht erschwinglich war, an Samstagabenden bei Tante Biba gebannt in die Röhre starrten, um sich einen Tatort, einen Durbridge zu gönnen, während ich, das Nachkriegskind, im Bett meiner Tante ausgelagert wurde, schlafen sollte, was mir allerdings kaum möglich war, da laut geschossen und geschrien, dramatische Filmklänge mich in Panik versetzten.
Dazu noch im Dunkeln, ohne Chance, am abendlichen Salzstangenverzehr teilzunehmen, oder mit einem Halunken kämpfen zu dürfen.
War eben noch zu klein, um kindliche Rechte einzufordern, gar auf den Putz zu hauen, notfalls meine Eltern samt Tante zu verhaften, als Kommissar und Rächer aller benachteiligten Kinder.

Nachdem ich nicht mehr so klein blieb, einige Zentimeter größer als Tante Biba, besuchte ich sie weiterhin regelmäßig, aß ihren Fleischwurstvorrat auf (nein, sie plante mich schon fleischwurstmäßig mit ein), bestaunte kauend ihren Untermieter, ein wahrhafter Inder, der ständig einen lustigen, farbenfrohen Hut trug, sogar im Bett (?), ein überaus freundlicher Mann, dessen Sprachbemühen sich auf Hessisch ebenso lustig anfühlte, wie der Hutturm auf seinem Kopf aus Indien.

Tante Biba mußte untervermieten, teils wegen ihrer kargen Witwenrente, möglicherweise sogar, weil ich wild auf Fleischwurst war, des Öfteren von ihr mit fünfzig Pfennige ausgestattet wurde, um die Kohle am benachbarten Kiosk gegen klebrige Kaumasse einzutauschen. Fleischwurst schmeckte jedenfalls besser –.

Tante Biba, lasse es dir gut gehen.
Auch ich besitze ein Küchenkneipchen, denke oftmals an vergangene Zeiten zurück,  als Nebelschwaden der Themse aus dem Fernseher krochen, an Fleischwurst und dein Verständnis für so manche Dinge.

Kommentare:

Ina hat gesagt…

Dein Tantchen erinnert mich ein bisschen an meine Oma väterlicherseits (die auch so ähnlich hieß wie Elisabeth), bloß bei uns - also mir - gab's immer Bonbons und, sie hat nicht untervermietet.

(Ich unterlege nochmal weil ich gestern noch mal Eindrücke aus Künstlerinnen-Kreisen gepostet habe, ist möglicherweise interessant für dich bzw. Trost, dass du dich dem nicht aussetzen musst...)

frei-blog hat gesagt…

@Ina,
wem oder was sollte ich mich nicht aussetzen sollen. Einer nicht erlebten Oma. oder Künstlerkreisen?
Verstehe nur Bahnhof –
:-)

Ina hat gesagt…

Ich hätte mich auch mal klarer ausdrücken können, sorry;) Ich meinte die Künstlerinnen, wenn das hier - bei mir - wirklich die Szene ist, dann will ich damit nicht.

Meiner Oma hättest du dich gern aussetzen können, die war toll. Im November hatte ich auch einen Post, in dem sie vorkommt bzw. vorwiegend ihre Bonbons. Das muss jeder selbst entscheiden, ob man sich dem aussetzt.

Kennst du zeigdeinekunst.de? Ich weiß nicht ob das was taugt, bin da nicht tiefer durchgestiegen, weil es für mich nicht passt. Bei mir lesen Leute, die in irgendwelchen Formen da mitmachen. Vielleicht ist das was für dich als Maler.

Ina hat gesagt…

Ach so, gerade vergessen, das Hinweisschild für den Bahnhof: Diese "Altes Leid"-Posts sind Quasi-Mitschnitte aus so was ähnlichem wie "Kulturratssitzungen" (im erweiterten Sinne).