06.01.2016

Damals – Hinterhof und Brot

Einundzwanzig Quadratmeter, eigener Eingang, Waschbecken, Ölofen, kleiner Gasherd mit Propangas, Hinterhof, Toilette im Nebengebäude, Kneipenlärm.

Dreihundertdreißg Mark Vollwaisenrente, abzüglich achtzig Mark Miete, inklusive Strom und sonstigen Umlagen.
Ein Sozialamt in Limburg, ein zigarrenrauchender, fettleibiger Beamter, der mir – erst nach Androhung einer Dienstaufsichtsbeschwerde – einen kleinen Geldbetrag zusätzlich bewilligte.

Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes besuchte mich, stellte ein paar Fragen, ob mein Vormund sich kümmere (klar, alles bestens, der steht auf Jungs, neidet mir meine Freundin, ist enttäuscht über seinen Fehlgriff erwartungsfroher Vormundschaft), fand mein Zimmer nett, vor allem sauber, und rauschte wieder ab.
Aktenfall begutachtet, Akte geschlossen, keine besonderen Vorkommnisse.

Im Hinterhof weckten mich morgens Tauben des alten Bäckers von nebenan, dessen Frau mir gerne einen Laib Brot verkaufte, hier und da ein Puddingstückchen, um selbst überleben zu können, durfte sogar für ein paar Tage anschreiben lassen, wenn es klemmte, hatte somit Brot aus alter Backstube, bis der Bäcker verstarb, keine Tauben mehr gurrten, Stimmen aus dem Hinterhof verschwanden.

Mein damaliger Vermieter, Sohn einer Zigeunerin, Analphabet und Säufer, ein Verachteter in BC, dieser Mann hörte meinen Aufschrei aus einundzwanzig Quadratmetern, wenn ich im Schlafe wieder einmal schrie –

Heute ist das alte Haus saniert, das große Holztor verschwunden, im Hinterhof steht strahlend ein Porsche, aufgewichst und zur Schau gestellt, Stimmen verdrängend, die noch im Gebälk zu hören sind.

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