29.01.2017

Hartz IV-Tagebuch – Randnotiz Armut.

Mein Vater kam nach dem Krieg in französische Gefangenschaft. Es gab eine Fotografie von ihm, zeigte ihn bis auf die Rippen abgemagert. Die Gefangenen ernährten sich sogar von Ratten, ein Lagerhund wurde geschlachtet.

Im reichen Deutschland sind Ratten noch nicht begehrt, dafür suchen immer mehr Menschen in Abfällen nach verwertbarer Nahrung, sammeln Pfandflaschen, oder stehen als Bettler bei einer Tafel an, vorausgesetzt, dass für sie derartige Erniedrigungseinrichtungen in einer Zweiklassenarmutsgesellschaft erreichbar sind.

Sie haben richtig gelesen – Zweiklassenarmutsgesellschaft.
Ja, Armut lässt sich schon in Klassen einteilen, wenn man sich mit offenen Augen unter Armut bewegt und reflektierend wahrnimmt, was lieber verdrängt werden sollte.
Kein schönes Bild, das uns ein reiches Deutschland bietet, indem der ausgerufene Wohlstand für alle zum politischen Tagesgeschäft gehört.
Kein Wunder, wenn Meinungen und Tatsachen in sozialen Netzwerken nicht erwünscht sind, Realitätsdarstellungen über staatliche Meinungskontrollen verhindert werden sollen.
Wahrheiten gefährden politische Interessen der Reichen, die ihre leibeigene Armutsgesellschaft heranzüchten, um diese bestmöglich verwerten- und unter Zwangsbedingungen regulieren sowie verwalten zu können.
Oder: Nichtverwertbaren Menschenabfall langsam und gezielt entsorgen – durch Entzug sozialromantischer Lebensberechtigungsansprüche.

Sie haben richtig gelesen. Lebensberechtigungen sind in der Betriebswirtschaftslehre des Kapitals nicht vorgesehen, sind nichts anderes, als eine bedauerliche Randnotiz über Abfälle.

Kommentare:

Charlie hat gesagt…

Diese "Randnotiz" ist keine "Randnotiz", sondern erklärtes Ziel der kapitalistischen Herrschaft. Ich befinde mich in der privilegierten Situation, einen Sonntagabend mit gekochten Kartoffeln und liebevoll gedünstetem Rosenkohl sättigend zu verbringen und dabei zu wissen, dass ich die Knollen selbst eingekauft habe - und das am Monatsende! Das kommt selten genug vor und ich weiß, dass es viele Menschen in Deutschland gibt, die ähnliche Feststellungen sehr regelmäßig nicht treffen können, sondern sich am Monatsende von gehorteten Nudeln oder eben Lebensmittelspenden ernähren müssen, sofern sie nicht hungern möchten.

Es ist an der Zeit, auf die Barrikaden zu gehen, denn hier wird nichts besser, sondern stetig schlimmer.

Es ist wahrlich an der Zeit!

Liebe Grüße!

promenadenmischung hat gesagt…

Na ja, bei mir führt am Ende des Geldes (wenn noch reichlich Monat übrig ist)
der Weg zu Lebensmitteln über den Umweg Leergutsammeln ;-) Zum Glück
wird in meinem Stadtteil ebenso kräftig gesoffen wie freiluftentsorgt :D